Der Sturm auf dem See

Aus dem Evangelium nach Matthäus (8, 23 - 27):

In jener Zeit stieg Jesus in das Boot und seine Jünger folgten ihm. Plötzlich brach auf dem See ein gewaltiger Sturm los, so dass das Boot von den Wellen überflutet wurde. Jesus aber schlief. Da traten die Jünger zu ihm und weckten ihn; sie riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, drohte den Winden und dem See, und es trat völlige Stille ein. Die Leute aber staunten und sagten: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen?

Liebe Schwestern und Brüder,

sind Sie schon einmal nach Helgoland gefahren? Auf dieser Insel habe ich von 1978 bis 1985 als Betreuer und Leiter viele Kinderfreizeiten erlebt. Spannender Teil der Reise ist die Fahrt mit dem Schiff nach Helgoland. Wir sind stets von Wilhelmshaven aus gefahren und das Schiff war für unsere Verhältnisse schon recht groß. Doch Seekrankheit ist nur schwer zu steuern und wir hatten immer einige Ausfälle. Ich erinnere mich sehr gut an eine Rückfahrt im Sommer 1983. Es war windig - Sturmstärke sechs. Das klingt nach wenig - doch die MS Wilhelmshaven wirkte plötzlich ganz klein und schwankte wie ein modernes Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt. Seekrank war ich zum Glück nicht - doch ich hatte Angst. Eine große Welle schwappte auf das Oberdeck und ich hatte eine gründliche Dusche mit Salzwasser erhalten. Zum Glück hatten sie Seile gespannt. . . Das Oberdeck wurde danach geschlossen. Zu allem Überfluss musste ich gegenüber den acht bis zwölfjährigen Kindern auch noch Ruhe ausstrahlen. Einige dieser Kinder kenne ich noch heute und die Rückfahrt im Sommer 1983 ist immer wieder Thema. Doch auf eine Idee wäre ich niemals gekommen: ich wäre wohl nicht zum Kapitän gegangen um ihn zu bitten, für Ruhe auf der Nordsee zu sorgen.

Das heutige Evangelium erzählt eine vertraute Geschichte: Während Jesus mit seinen Jüngern auf dem See ist, bricht ein Sturm los. Das Boot droht von den Wellen überflutet zu werden. Wer hätte da keine Angst?Jesus aber schläft. In ihrer Not wenden sich die Jünger an Jesus: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! Jesus scheint kein Verständnis für die Not der Jünger zu haben: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann nimmt er sich ihrer an und beendet den Sturm auf dem See. Die Leute aber staunten...

Ein Sturm auf dem See Genesaret ist sicher bedrohlicher für die Männer in dem kleinen Boot als es die steife Brise für uns auf der Nordsee war. Ein solcher Sturm ist nicht untypisch für den See und viele Boote sind schon nicht mehr heimgekehrt. Ein solches Boot hat noch dazu andere Dimensionen als die MS Wilhelmshaven. Die Angst und die Not der Jünger ist mir daher um so verständlicher. Wenn sie nun Jesus wecken und um Hilfe bitten, dann kann man das als letzten Strohhalm interpretieren, an den man sich klammert. Doch man kann auch sagen: sie trauen Jesus etwas zu. Sie wecken ihn und bitten ihn um Rettung weil sie vermuten, dass von ihm Hilfe und Rettung kommen kann - auch in einer so aussichtslosen Situation.

Um so weniger verständlich ist mir die Erwiderung Jesu: Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Haben die Jünger nicht einen großen Glauben? Sie trauen doch offensichtlich Jesus zu, sie zu retten! Je mehr ich über diesen kurzen Dialog nachdenke, desto mehr erscheint mir die Geschichte in einem ganz anderen Licht. Ich hatte sie immer als Wundergeschichte gelesen, in der die Vollmacht Jesu ausgedrückt wird. Wie die Leute am Schluss ja auch staunen und sagen: Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen? Ich hatte die Geschichte verstanden als Aufruf zur Gelassenheit in den Stürmen des Lebens, weil Jesus die Stürme im Zweifelsfall stillen wird. Offensichtlich passiert das ja aber nicht. Viele Stürme ziehen eine Schneise der Verwüstung und schonen weder Sachen noch Menschen. So wird die Geschichte zu einer erbaulichen Erzählung am Kamin oder am Lagerfeuer. Nett anzuhören aber weit entfernt von der Realität.

Der Schlüssel liegt womöglich in der kurzen Erwiderung Jesu. Vielleicht könnte man sie auch wie folgt übertragen: Ihr Kleingläubigen! Warum habt ihr solche Angst? Was kann der Sturm euch schon anhaben - ich bin doch bei euch! Legt euch schlafen...

Zu Beginn des heutigen Evangeliums heißt es: In jener Zeit stieg Jesus in das Boot. Ich habe mich unwillkürlich gefragt: In welches Boot? Ich hätte erwartet, dass dort steht: In jener Zeit stieg Jesus in ein Boot. Natürlich gehört diese kleine Erzählung in einen Zusammenhang. Wenige Zeilen zuvor heißt es: Als Jesus die vielen Menschen sah, die um ihn waren, befahl er, ans andere Ufer zu fahren. Jesus wird bei diesem Vorhaben quasi aufgehalten und von einem Schriftgelehrten und einem Jünger in ein Gespräch verwickelt. Der Abschnitt endet mit der Aufforderung: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben! Darauf folgt unmittelbar der Abschnitt des heutigen Evangeliums.

Offensichtlich ist die Geschichte vom Sturm auf dem See eine Art Illustration, was Nachfolge bedeuten kann. Viele Christen zur Zeit des Matthäus hatten Ausgrenzung und Verfolgung - ja den gewaltsamen Tod erlebt allein deshalb, weil sie Christen waren. So verknüpft Matthäus hier ganz geschickt eine Erzählung, die von einem Wunder berichtet und die Vollmacht Jesu bestätigen soll, mit einer für seine Zuhörer ganz aktuellen Botschaft. Und diese Botschaft lese ich in der schroffen Erwiderung Jesu: Habt keine Angst trotz der Stürme dieser Welt - ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. Der Trost und die Ermutigung liegen nicht darin, dass einem Christen nichts Schlimmes mehr widerfahren kann, sondern darin, dass Gott auch in den finstersten Momenten des Lebens, dann, wenn die Angst am Größten ist, bei ihm ist.

Die Vorstellung, dass Jesus seine Jünger aufruft, im Sturm zu schlafen könnte man verstehen als Aufruf zur Passivität. Der Herr wird’s schon richten - legen wir uns schlafen. Doch das ist sicher im Blick auf das gesamte Evangelium von Matthäus überinterpretiert. Bei Mätthäus lesen wir z.B. in der Gerichtsrede: „Was Ihr den geringsten unter diesen meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan. Und was ihr ihnen nichtgetan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ Auch wenn wir es nicht gerne hören und viele ausweglose Situationen tatsächlich nur scheinbar ausweglos sind: es gibt Momente im Leben, in denen wir nichts mehr ausrichten können - in denen wir mit unserem Latein am Ende sind. Wenn ein Mensch stirbt, der uns sehr nahe steht. Wenn eine Liebe zerbricht, die unser Leben mitbestimmt hat. Wenn wir, wie am 19. Juli 2005, zusehen müssen, wie zwei Jugendliche für eine lächerliche Anklage unter dem Jubel der Menschen durch den Strang hingerichtet werden. Jesus sagt uns zu, auch in diesen Momenten bei uns - und was manchmal noch wichtiger ist - bei dem anderen zu sein. Jeder, der solche Momente der Trauer, der Angst oder der Wut erlebt hat weiß, wie gut es tut, sich schlafen legen zu können.

Der Glaube der Jünger war groß, weil sie glaubten, Jesus könne sie aus dem Sturm retten. Doch er war klein, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass er sie im Sturm retten kann.

Am 4. Juli 2006 im Rahmen des Abendgebetes der Gemeinschaft von Sant'Egidio in der Kirche St. Barbara (Domgemeinde St. Petrus), Osnabrück.