Das Sakrament der Vergebung und Versöhnung ist ein Geschenk Gottes an uns Menschen

Predigt zum 5. Fastensonntag 2026

Heute ist der vierte und letzte Teil meiner kleinen Predigtreihe zur Fastenzeit. Am 2. Fastensonntag ging es um die Sünde: Sünde ist die Abkehr von Gott und aus dieser Abkehr folgen alle anderen Sünden. Am 3. Fastensonntag ging es um die Reue: Reue ist die Einsicht in diesen Zusammenhang. Am 4. Fastensonntag ging es um die Buße: Buße ist der Versuch einer Wiedergutmachung und die Hinwendung zu Gott. Heute, am 5. Fastensonntag geht es um das Sakrament der Versöhnung, um das Sakrament der Beichte.

Manchmal gibt es Predigtideen zu den ungewöhnlichsten Zeiten und an den ungewöhnlichsten Orten. Diesmal am Donnerstag früh und kurz nach halb sieben im Badezimmern. Im Deutschlandfunk sprach die Morgenandacht Professorin Julia Knop aus Erfurt. Es ging um die Beichte. Da war viel dabei, was ich unterschreiben könnte. Doch auch einiges, was meinen Blutdruck deutlich steigen ließ.

Ihre Argumentation folgte einem altbekannten Schema. Da wird ein Bild von Glauben und Kirche gemalt, das ganz schrecklich ist. Dieses Bild wird dann kritisiert. Vielleicht hat es einen solchen Glauben und eine solche Kirche einmal gegeben und ganz sicher gibt es heute noch Bischöfe, Priester und Gläubige, die so denken. Doch die Kirche hat in ihrer großen Mehrheit diese Vorstellungen längst zu den Akten gelegt. Ich kenne keinen Priester, der ein solches Verständnis von Sünde und Beichte hat. Es geht bei diesem Argumentationsschema wohl auch nicht um eine Sache, sondern es geht um billigen Beifall.

Um was geht es denn tatsächlich?

Sünde stört meine Beziehung zu Gott. Sie trennt mich von Gott und sie trennt mich von meinen Mitmenschen. Gott möchte diese Trennung überwinden. Doch das kann er nicht ohne mich. Denn Gott achtet meinen freien Willen und er zwingt mich zu nichts.

Wenn ich mich nun Gott wieder zuwende, dann kann Gott diese Hinwendung annehmen. Wir können zusammen starten. Doch auch Gott ist frei. Es gibt keinen Automatismus.

Gott kann meine Hinwendung zu ihm annehmen. Das kann er tun, wenn er es will. Dazu braucht er keine Hilfe. Für die Vergebung und die Versöhnung mit Gott braucht es keinen Helfer und keinen Mittler. Gott braucht mich als Priester nicht, um Sünden zu vergeben. Das kann er ganz allein.

Das Problem dabei ist: Ich werde diese Vergebung frühestens nach meinem Tod erfahren. Ich kann mir ja schlecht selbst sagen: Ich vergebe mir meine Sünden. Wenn also nicht gerade eine Stimme aus irgendeiner Ecke in meinem Zimmer zu mir spricht, werde ich die Vergebung zu meinen Lebzeiten nicht erfahren.

Am Osterabend trat Jesus in die Mitte seiner Jünger: „Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,22–23). Jesus gibt seinen Jüngern die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Auf dieser Vollmacht basiert das Sakrament der Versöhnung, die Beichte.

Das Sakrament der Versöhnung ist ein Geschenk Jesu an uns Menschen. Wir können schon hier und jetzt Vergebung und Versöhnung mit Gott erfahren. Wenn ich eine schwere Sünde begangen habe, dann steht mir das Sakrament der Versöhnung offen. Ich kann Vergebung und Sünde erfahren.

Was ist eine schwere Sünde? Dazu müssen drei Dinge zusammen kommen. Ich habe etwas gemacht und ich habe schon bevor ich es getan habe gewusst, dass ich das nicht tun sollte. Dieses Tun verstößt gegen eines der Zehn Gebote. Das Tun betrifft eine schwere Sache.

Ein Beispiel, das ich bei Kindern gern verwende: Du hast einen Bruder oder eine Schwester. Der klaust du ein Bonbon. Du weißt vorher, dass du das nicht tun sollst. Es verstößt gegen das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen!“ Doch ist das eine schwere Sache? Wohl nicht. Eine schwere Sache ist etwas, was ich nicht wiedergutmachen kann oder das einen Menschen verletzt.

Noch einmal. Das Sakrament der Versöhnung gibt es nicht, weil Gott mir sonst nicht vergeben könnte. Es gibt es auch nicht, weil er für die Versöhnung einen Priester braucht. Das Sakrament der Versöhnung gibt es, damit wir Gottes Vergebung schon hier und jetzt erfahren können. Das Sakrament ist eine Hilfe zum Leben.

Vergebung und Versöhnung braucht immer ein Gegenüber. Es braucht jemanden, der mir sagt: Ich vergebe dir deine Sünden. Nach reformatorischem Verständnis kann das jeder Getaufte, also jeder Christ und jede Christin sein. Nach altem kirchlichen Verständnis gilt die Vollmacht den Zwölfen, den Aposteln und ihren Nachfolgern, den Bischöfen. So habe ich als Priester nicht automatisch die Vollmacht zur Beichte. Sie wurde mir vom Bischof übertragen.

Wenn ich nun an Julia Knop denke, dann muss ich wohl einige Missverständnisse ansprechen. Meine Aufgabe als Beichtvater ist es nicht, das Leben und Handeln des Beichtenden zu beurteilen. Ich bin als Beichtvater kein Richter und ich bin auch kein Staatsanwalt. Ich muss die Sünden und ihre Umstände nicht ermitteln. Ich muss mir ein vollständiges und genaues Bild von ihnen machen. Ich muss auch keine Anklage erheben.

Wenn mir Menschen ihre Sünden beichten, dann hinterfrage ich das nicht und ich kommentiere das auch nicht. Es geht allein um die Reue: hat jemand begriffen, wo das Problem liegt? Es geht um Buße: versucht jemand eine Wiedergutmachung und wendet er oder sie sich Gott zu? Deshalb gibt es bei mir auch keine Bußwerke wie fünfmal den Rosenkranz beten oder zehnmal das Vaterunser. Manchmal, wenn es für mich passend erscheint, nenne ich mal ein Lied oder ein Gebet aus dem Gotteslob.

Ansonsten denke ich an das Gleichnis vom Verwalter und der Ungerechtigkeit. Ein Verwalter hat Streit mit seinem Chef und es droht ihm die Entlassung. Er bekommt Angst und denkt: „Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich“ (Lk 16,3). Also lässt er die Schuldner seines Herrn kommen und fälscht die Schuldscheine. Aus hundert Fässern Öl werden fünfzig Fässer Öl und aus hundert Sack Weizen werden achtzig. Er spekuliert darauf, dass die Schuldner es ihm einmal danken werden, wenn er selbst in Not kommt. Die Reaktion Jesu erstaunt auf den ersten Blick: „Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes“ (Lk 16,8). Es geht also darum, großzügig zu sein.

Doch es gibt keinen Automatismus. Es sind für mich Fälle denkbar, in denen ich die Vergebung von besonderen Bußwerken abhängig machen würde: von einer Selbstanzeige bei der Polizei oder von einer Übernahme eines verursachten Schadens.

Von meinem Bischof habe ich die Vollmacht bekommen, das Sakrament der Versöhnung zu spenden. Die Vollmacht habe ich nicht erhalten, weil ich ein weiser oder gar heiliger Mann bin. Auch nicht, weil ich die moralische Weisheit mit Löffeln gegessen habe. Nein, ich bin ein sündiger Mensch und benötige die Vergebung wie jeder andere Mensch auch. Vielleicht als Priester noch einmal mehr. Auch die Bischöfe und die Kirche haben diese Vollmacht nicht, weil sie selbst eine vollkommene Gemeinschaft, eine Societas perfecta, wären. Die Kirche ist Teil dieser Welt und sie ist damit sündig und bedarf der Vergebung. Als Kirche vielleicht noch viel mehr als jede andere Institution. Anders sind Menschen und menschliche Institutionen gar nicht denkbar.

Gott macht uns in den Sakramenten das Geschenk, ihn und seine Liebe zu uns zu erfahren. Dazu gehört, dass wir in Situationen, in denen uns Schuld belastet, Entlastung erfahren. Wir müssen belastende Erfahrungen nicht verdrängen und wir müssen unter Schuld nicht zerbrechen. Auch wenn ich nicht perfekt bin und immer wieder dieselben Fehler mache – Gott fängt immer wieder neu mit mir an. Er schenkt Vergebung und Versöhnung.

Predigt als PDF zum Herunterladen. 

Die Predigt wurde gehalten am 21.3.2026 in der Kirche Heilig Geist in Stuhr-Brinkum und am 22.3.2026 in der Kirche Maria, Königin des Friedens in Bruchhausen-Vilsen. Das gesprochene Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.

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