Predigt zum Jahreswechsel 2025/2026.
Der Jahreswechsel ist die Zeit der Rückblicke und Ausblicke. Davon haben sie sicher in den letzten Tagen viele gehört und gesehen. Die großen Baustellen sind uns alle sattsam bekannt. Die brauche ich jetzt sicher nicht noch einmal alle aufzählen.
Mir fällt auf: Es gibt ganz viele Appelle. Es gibt ganz viele moralische Appelle. Vorgetragen von Politikern, Bischöfen und Pfarrern. Ich lese Aufrufe zur Nächstenliebe und zur Gemeinsamkeit. Ich höre den Aufruf zur Hoffnung. Das ist ja alles nicht falsch und es passt ja auch irgendwie.
Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl. Wenn die moralischen Appelle überhand nehmen, dann entsteht in mir das ungute Gefühl, das in der Sache etwas fehlt.
Was da fehlt, fällt vielleicht am ersten auf, wenn man mit jungen Menschen diskutiert. Die stellen nämlich Fragen. Die gefürchtetste Frage ist die Warum-Frage. Warum ist das so? Warum ist das nicht anders?
Es gab Zeiten, da war das zumindest mit der Moral ganz klar. Die moralischen Gebote, also die Vorschriften, was man zu tun oder zu lassen hat, die kamen von ganz oben. Direkt von Gott. Oder zumindest von dessen Bodenpersonal: dem Papst, den Bischöfen oder den Priestern. Da wusste man, woran man war. Da gab es bestenfalls noch Detailfragen zu klären: Muss man an Freitagen Fleisch fasten, auch wenn an dem Tag ein Hochfest gefeiert wird? Ist man noch nüchtern, wenn man auf der Fahrt mit dem Fahrrad zur Kirche eine Fliege verschluckt hat? Muss man vor jeder Mahlzeit beten oder reicht es zu den Hauptmahlzeiten – dann, wenn es dampft?
Diese Gewissheiten sind dahin. Die meisten Menschen bei uns glauben nicht mehr an den Gott der Kirchen. Die meisten Menschen bei uns glauben vielleicht an überhaupt keinen Gott mehr. Sie vermissen auch nichts. Plötzlich fallen alle moralischen Gebote und Verbote in sich zusammen.
Es gibt Versuche, sie neu zu begründen. In der Biologie sucht man nach dem moralischen Gen. Sind bestimmte moralische Werte quasi angeboren? Sind Mitgefühl, Zusammenarbeit und Opferbereitschaft angeboren, so dass wir uns bei körperlicher und geistiger Gesundheit gar nicht gegen sie wehren können? In der Philosophie hat man versucht, Moral mit Vernunft zu begründen. Wenn wir unsere Vernunft nur richtig gebrauchen, dann kommen da notwendig bestimmte moralische Werte und Gebote heraus. Die Vernunft ist ja unabhängig von Zeit und Ort, von Kultur und Geschichte. Zwei und zwei sind immer und überall vier. So müsste es dann auch mit der Moral sein.
Die Begründung von Moral ganz ohne Gott ist das große Projekt der Moderne in der westlichen Welt. Bis heute ist dabei praktisch eine Kultur des Mitgefühls, der gegenseitigen Hilfe und der Begrenzung von Macht.
Macht wird in unserer Kultur durch das Recht begrenzt und auf Zeit vergeben. Der Philosoph Karl Popper hat mal gesagt: Die Demokratie ist nicht die Staatsform, in der die Besten an die Macht kommen. Doch sie ist die einzige Staatsform, in der man die Mächtigen wieder loswird, ohne sie umzubringen.
Unsere Kultur lässt Verschiedenartigkeit und Vielfalt zu. Das ist kein so ganz neuer Gedanke. Schon König Friedrich II. von Preußen hat es auf den Punkt gebracht: Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden.
Wir leben heute in einer offenen Gesellschaft. Sie basiert auf den Werten der Freiheit, der Gleichheit und der Geschwisterlichkeit. Sie basiert auf einer langen europäischen Tradition. Da wäre die Verbindung von griechisch-römischer Antike mit dem Christentum. Da wäre der Einfluss des Islam – ohne den wir keine Mathematik hätten. Da ist darauf aufbauend seit dem 17. Jahrhundert die Tradition der Aufklärung. Mein Eindruck: diese Basis bröckelt. Die Basis ist für immer weniger Menschen tragfähig.
Es stellt sich die Frage, was denn an ihre Stelle tritt. Derzeit sieht es so aus, als ob an ihre Stelle der Wille zur Macht tritt und der Wille, diese Macht auch zu gebrauchen. Eine vergleichsweise kleine Gruppe von Menschen mit viel Geld dadurch mit viel Macht übernimmt ganz unverhohlen die Herrschaft.
Herrschaft bedeutet für sie, Geld zu verdienen. Ungehindert und unbegrenzt. Jede Begrenzung dieser Herrschaft wird abgelehnt. Klimaschutz, Ökologie, Schutz der Schwachen und jede Form der Regulierung hindert nur die Herrschaft. Hindert daran, Geld zu verdienen. Doch daran soll sie nichts und niemand hindern.
Ich tue, was ich will. Weil ich es kann. Mitgefühl ist nur etwas für Schwächlinge.
Jetzt sagen sie vielleicht: Das gibt es doch gar nicht. Das ist eine typische Verschwörungstheorie. Wenn es so wäre – das hätte doch keinen Erfolg. Solche Leute würde doch niemand wählen. Doch es gibt für diese Leute einen Weg zum Erfolg.
Die gesellschaftlichen Veränderungen und Umbrüche der letzten Jahrzehnte, die offene Gesellschaft, sie führen auch zu Verunsicherung. Mit Verschiedenartigkeit und Vielfalt können nicht alle Menschen umgehen.
Bisher war es klar: Ich bin ein Mann und ich liebe eine Frau. Wir tun uns zusammen, gründen eine Familie und ziehen Kinder groß. Heute gibt es noch viele andere Lebens- und Familienmodelle. Die gab es vielleicht auch vorher schon. Doch jetzt sieht man sie. Es gibt zwei Frauen, die gemeinsame Kinder großziehen. Es gibt männliche Paare und Beziehungen von mehr als zwei Menschen. Natürlich kann ich weiter meinen Weg als cis-Mann in einer heteronormativen Umwelt leben. Doch vielleicht könnte ich auch anders. Das verunsichert Menschen.
Hinzu kommt, dass viele bisher verborgene Formen der Ausgrenzung und Benachteiligung offen diskutiert werden? Wer hätte gedacht, dass so ein auf den ersten Blick harmloses Wort wie „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“ plötzlich zum Problem wird? Auch ich bin ja ein alter weißer Mann. Wenn ich heute mit jungen Menschen zusammenkomme, dann merke ich, dass Small-Talk nicht mehr so einfach funktioniert. Meine Witze kommen nicht mehr an. Das verunsichert nicht nur Thomas Gottschalk.
Genau an diese Verunsicherung docken die Mächtigen an. Sie fordern ein Zurück in eine Welt, die es so wohl nie gab. Sie fordern eine geschlossene Gesellschaft. Die Mehrheit soll bestimmen, wie man zu leben hat. Die alten Regeln sollen wieder gelten: Ich möchte mein Schnitzel wieder so nennen dürfen, wie ich das will. Wenn ich durch bestimmte Straßen in Bremen gehe, dann habe ich das Gefühl, an einem Ort irgendwo im Orient zu sein. Das ist mir fremd. Das macht mir Angst. Das muss weg.
Die Mächtigen zetteln einen Kulturkampf an. Sie verbinden notwendige Diskussionen mit grundsätzlicher Ablehnung. Migranten, gleichgeschlechtliche Paare, Transpersonen sollen aus der Öffentlichkeit verschwinden. Das Stadtbild soll wieder sauber werden. Der ganze woke Unsinn soll ein Ende haben.
Die eigentlichen Ziele der Mächtigen wären niemals mehrheitsfähig. Doch über diesen Kulturkampf schaffen sie Zustimmung. Das führt zu einer gefährlichen Mischung: Da wäre der Wille zur unumschränkten Herrschaft auf der einen Seite und die Verführung zu einem geschlossenen Weltbild in einer geschlossenen Gesellschaft auf der anderen Seite. Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit soll nicht mehr für alle Menschen gelten. Die Menschen, die den Verführern folgen, glauben tatsächlich, dass sie von der Ausgrenzung nicht betroffen wären. Sie bemerken nicht, wie sie benutzt werden. Zum Wohle weniger.
Was mich besonders betroffen macht: Das Christentum und unser christlicher Glaube werden zu einem Teil dieser Inszenierung. Bei einer christlichen anmutenden Trauerfeier für den ermordeten Charlie Kirk sagte der Präsident der Vereinigten Staaten unter dem Jubel der Menschen: „Da stimme ich mit Charlie nicht überein: Ich hasse meinen Gegner, und ich will nicht das Beste für ihn.“ Geht es unchristlicher?
Unser Glaube und unsere christlichen Wertvorstellungen wie die Forderung nach dem Schutz des Lebens vom Anfang bis zum Ende, die Forderung nach dem Schutz von Ehe und Familie oder die Forderung nach der Achtung vor dem, was anderen Menschen heilig ist – all das wird missbraucht und gekapert von Menschen und Gruppen, die tatsächlich etwas ganz anderes wollen.
Der texanische Politiker James Talarico hat das Problem auf den Punkt gebracht. Ich zitiere ihn ausführlich. Die Übersetzung stammt von mir:
Christliche Nationalisten laufen herum mit dem Mund voller Bibelzitate und einem Herzen voller Hass. Sag mir nicht, was du glaubst. Zeige mir, wie du mit anderen Menschen umgehst und ich sage dir, was du glaubst.
Jesus hat uns nicht gesagt, dass wir unsere Dogmen und Glaubensbekenntnisse lieben sollen. Er hat uns auch nicht gesagt, dass wir die Bibel lieben sollen. Er hat uns gesagt, dass wir unsere Nächsten lieben sollen. Von dieser Forderung lässt er keine Ausnahme zu. Liebe deinen Nächsten, gleich welcher Abstammung, welcher sozialen Schicht, welchen Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung oder welchen Flüchtlings-Status.
Eine meiner (= James Talarico) bevorzugten Theologinnen, Barbara Brown Taylor, schrieb: Die einzige klare Grenze, die ich heute ziehe, ist diese: Wenn meine Religion versucht, mich von meinem Nächsten zu trennen, dann wähle ich meinen Nächsten. Jesus hat mich niemals aufgefordert, meine Religion zu lieben.
Das ist übrigens interessant: In der ganzen Bibel fordert Jesus uns niemals auf, ihn anzubeten. Erfordert uns auf, ihm zu folgen. Zu lieben, wie er liebt. Die Ausgestoßenen zu lieben. Die Fremden willkommen zu heißen. Den Hungrigen zu essen zu geben. Die Kranken zu heilen. Die Bedrückten zu befreien. So wie es in einem Lied heißt: Die Menschen sollen an unserer Liebe erkennen, dass wir Christen sind.
Das ist unsere Basis.
Predigt als PDF-Datei zum Herunterladen.
Die Predigt wurde gehalten am 31.12.2025 in der Kirche St. Paulus in Syke sowie am 1.1.2026 in den Kirchen St. Michael in Hoya und Heilig Geist in Stuhr-Brinkum. Das gesprochen Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.
Leider habe ich die Predigt von James Talarico nur auf
Facebook (https://www.facebook.com/watch/?v=1000859498461019) und
Instagram ( https://www.instagram.com/reel/DBpb8PeN0dg/?hl=de) gefunden.