Weihnachten rückt immer näher. In vier Tagen begehen wir das große Fest. Ein sicheres Zeichen dafür, dass ein großes christliches Fest bevorsteht, sind die Enthüllungen in den Medien. Wir lesen und hören von sensationellen Enthüllungen rund um Jesus und um das Fest, das da gefeiert werden soll.
Zu Ostern die revolutionären Entdeckungen zu Leben und Tod Jesu: Jesus hat nie gelebt! Er war gar nicht tot! Er hat nach seiner angeblichen Auferstehung in Ägypten mit Maria Magdalena eine Familie gegründet und hatte natürlich auch Kinder! Zu Weihnachten irgendeine Sensation rund um die Geburt: Hat Jesus tatsächlich gelebt? Ist Jesus tatsächlich in Bethlehem geboren oder doch eher im heimischen Nazaret? Hatte Jesus Geschwister?
In diesem Jahr dreht sich die Sensation um die Jungfrau Maria. Für viele Menschen ist heute die Vorstellung von der Jungfrauengeburt ein großes Problem. Sie schweigen dann beim Glaubensbekenntnis wenn es heißt: geboren von der Jungfrau Maria. Ich gebe zu: Auch mir fällt die Vorstellung von einer Jungfrauengeburt schwer.
Jetzt die Sensation: Das brauch ich mir auch gar nicht vorzustellen. Die ganze Sache mit der Jungfrau ist ein simpler Übersetzungsfehler! Wir können zweitausend Jahre Kirchengeschichte getrost in die Tonne werfen. Um was geht es?
Wir haben gerade im Evangelium gehört: „Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Siehe: Die Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären / und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, / das heißt übersetzt: Gott mit uns“ (Mt 1,22-23). Matthäus zitiert aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dort steht im 7. Kapitel im Vers 14: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“
Das Problem beginnt hier: Das Buch Jesaja ist ursprünglich auf Hebräisch geschrieben. Weil aber irgendwann kaum noch ein Jude Hebräisch sprechen konnte, wurden die Texte etwa 250 vor Christus ins Griechische übersetzt.
Griechisch war damals das, was heute bei uns Englisch ist. Wer heute Englisch spricht und versteht, kommt fast überall auf der Welt zurecht. Englisch ist heute die Sprache des Handels und der Wissenschaft.
Wie gesagt: Die Texte, die wir heute im Alten Testament finden, waren (überwiegend) ursprünglich auf Hebräisch. Dann gab es ein großes Übersetzungsprojekt. Die Texte wurden ins Griechische übersetzt. Diese griechische Übersetzung hatte zur Zeit Jesu eine überragende Bedeutung. Fast alle Zitate aus den Schriften des Alten Testamentes im Neuen Testament stammen aus dieser griechischen Übersetzung.
Nun zur Jungfräulichkeit. Im hebräischen Original von Jesaja 7, Vers 14 findet sich das hebräische Wort almah. almah ist einfach eine heiratsfähige Frau bis zur Geburt ihres ersten Kindes. Aus der jungen Frau wurde bei der Übersetzung ins Griechische die parthenos, was auf Deutsch und Lateinisch Jungfrau heißt. Jetzt gibt es auch ein hebräisches Wort für Jungfrau: betulah. Doch genau das steht da im hebräischen Original nicht. Also ist die Jungfrau ein Übersetzungsfehler!
Aus der heiratsfähigen jungen Frau wurde die Jungfrau. Also ist das Problem gelöst. Bei Jesaja müsste es heißen: „Siehe, die junge Frau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“ Mit der Jungfrau ist es also vorbei. Den Satz können wir aus dem Glaubensbekenntnis streichen.
Doch Vorsicht! Denn: So neu ist die Erkenntnis ja gar nicht. Die Unterschiede der Wörter und der Übersetzungen sind seit Langem bekannt. Außerdem wissen wir ja: Eine Übersetzung aus der einen Sprache in die andere Sprache ist viel komplizierter, als einfach ein Wort eins zu eins durch ein passendes anderes Wort zu ersetzen. Es werden immer gleich ganze Verstehenszusammenhänge übersetzt.
Ein Beispiel: In der deutschen Sprache kennen wir das Wort Himmel. Das meint den bestirnten Himmel über mir und es meint auch den Ort, an dem wir uns hoffentlich alle einmal wiedersehen. In der englischen Sprache gibt es aber zwei Wörter: sky und heaven. Wenn man nun von der deutschen Sprache ins englische übersetzt, muss man aufpassen. Wann verwendet man welches Wort?
Doch vielleicht haben sich die Übersetzer von Jesaja 7,14 aus der hebräischen Sprache ins Griechische auch gar nicht einfach im Wort geirrt. Vielleicht haben sie ganz korrekt einen Gedanken übertragen.
Auch dafür ein Beispiel. Heinrich fragt in Goethes Faust Gretchen: „Schönes Fräulein, darf ich’s wagen, Arm und Geleit ihnen anzutragen?“ Gretchen antwortet: „Bin weder Fräulein, weder schön, darf ohn’ Geleit nach Hause gehen!“ Wir schmunzeln jetzt vielleicht. Was für eine frivole Antwort der doch unverheirateten Gretchen. Doch man muss wissen: Zur Zeit Goethes war ein Fräulein die unverheiratete Tochter eines Adligen. Das hat sich inzwischen verändert. Bis weit in unsere Zeit verstand man unter einem Fräulein eine unverheiratete und damit jungfräuliche Frau. Heute verstehen junge Menschen vermutlich nur noch Bahnhof – das Wort kommt in ihrer Welt gar nicht mehr vor.
Was jedoch auffällig ist: Sowohl Matthäus als auch Lukas machen den Gedanken von der Geburt ohne Zutun eines Mannes stark. Die Geburt Jesu gleich danach einem Wunder. Warum tun sie das?
Zuerst: Sie tun das nicht, weil die Vorstellung von Maria, Jesus und Geschlechtsverkehr irgendwie unanständig wäre. Das Problem hatten erst die Jahrhunderte danach. Da war man der Ansicht, die Erbsünde werde durch den Geschlechtsakt übertragen. Lust und Begierde sind daher die Wurzeln allen Übels.
So spukt durch die Volksseele bis heute die Verbindung von Jungfräulichkeit und Reinheit. Über Maria heißt es in einem beliebten Lied im Gotteslob: „Sie strahlt im Tugendkleide, kein Engel gleichet ihr; die
Reinheit ihr Geschmeide, die Demut ihre Zier, ein Blumengart verschlossen, mit Himmelstau begossen, so blüht sie für und für.“
Ich bin überzeugt: Darum geht es Matthäus und Lukas nicht! Ihnen geht es um ein Geheimnis. Es gehört zu den frühesten Glaubensbekenntnissen, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott war. Das musste sich irgendwie auch in seiner Geburt widerspiegeln. Matthäus und Lukas halten den göttlichen und den menschlichen Aspekt der Person Jesu in dem Geheimnis zusammen, das mit seiner Empfängnis beginnt.
Papst Benedikt XVI. hat als Joseph Ratzinger in seiner „Einführung in das Christentum“ geschrieben: „Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichen Glauben nicht darauf, dass Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum; … die Empfängnis Jesu bedeutet
nicht, dass ein neuer Gott-Sohn entsteht, sondern dass Gott als Sohn in dem Menschen Jesus das Geschöpf Mensch an sich zieht, sodass er selber Mensch ‚ist‘“ (Ratzinger, Einführung, 258f.)
Wenn ich heute bekenne, dass Jesus geboren wurde von der Jungfrau Maria, dann mache ich keine Aussage über Maria. Ich bewerte auch nicht Sexualität: Als ob es schlimm wäre, wenn der Mensch Jesus durch einen sexuellen Akt entstanden wäre. Sondern ich sage: Jesus war ganz Gott und ganz Mensch.
Wie Joseph Ratzinger es ausdrückt: In Jesus hat derjenige Menschennatur angenommen, der von Ewigkeit her der göttlichen Liebe wirklich zugehört. Das Heil der Welt kommt nicht vom Menschen und von dessen eigener Macht. Der Mensch muss es sich schenken lassen, und nur als reines Geschenk kann er es empfangen.
Christlicher Glaube bedeutet in Wahrheit das Bekenntnis dazu, dass Gott nicht der Gefangene seiner Ewigkeit und nicht begrenzt aufs nur Geistige ist. Sondern dass er hier und heute, mitten in meiner Welt zu wirken vermag und dass er gewirkt hat in Jesus (Ratzinger, Einführung, 259ff.).
Hier kann die Predigt im PDF-Format heruntergeladen werden.
Die Predigt wurde gehalten am 20.12.2025 in den Kirchen St. Michael in Hoya sowie am 21.12.2025 in den Kirchen St. Paulus in Syke und Heilige Familie in Weyhe-Kirchweyhe. Das gesprochen Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.