Meine Hoffnung ist der Gott Jesu.

Wenn ich so in die Kirche schaue, dann ist das ein schöner Anblick. Wie immer an Weihnachten. Viele Menschen sind heute in die Kirche gekommen. Die Kirche ist festlich geschmückt: der Weihnachtsbaum, die Krippe, der Blumenschmuck. Alle geben sich Mühe. Wir singen die bekannten Lieder. Wir hören die bekannte Geschichte. Die Geschichte von der Geburt des Kindes unter widrigen Umständen. Zumindest nach heutigen Maßstäben.

Weihnachten ist auch das Fest der Familie. Alle kommen zusammen. Die Abläufe sind festgelegt. Häufig ist auch klar, was es zu essen gibt. Natürlich die Geschenke. Nicht nur für die Kinder das Entscheidende an Weihnachten.

Die Traditionen verändern sich. Langsam zwar, aber trotzdem. Viele treffen sich heute nach der Feier in der Familie mit Freunden oder Nachbarn. Unter die alten Lieder mischen sich neue Töne.

Es ist schön wie immer und doch ist es irgendwie anders. Die Kinder sind größer geworden. Sie sind inzwischen erwachsen. Die Eltern werden immer schwächer. Das Weihnachtsfest wird für sie immer anstrengender. Die Tochter fehlt. Sie feiert heute bei ihren Schwiegereltern. Vielleicht ist ein lieber Mensch gestorben.

So war es schon immer. Die Zeiten ändern sich. Die Umstände und die Bräuche auch. Trotzdem überkommt mich in diesem Jahr noch ein anderes Gefühl, ein neues Gefühl. Olaf Scholz hat vor drei Jahren von der Zeitenwende gesprochen. Die ist gefühlt nun da. Ich lebe gefühlt in einer anderen Welt als vor einem Jahr.

Die große Politik hat sich geändert. Es gilt das Recht des Stärkeren: Ich mache was ich will – weil ich es kann. Wir haben fast achtzig Jahre unter dem Schutzschirm der USA gelebt. Jetzt müssen wir selbst für unsere Sicherheit sorgen. Mit fällt dabei auf, wie klein wir als Deutschland sind. Zwar mit einem dicken Portemonnaie und manchmal frech wie Oskar. Doch gegen die großen Jungs von der Straße chancenlos. Wir können für unsere Sicherheit nur gemeinsam mit unseren Nachbarn in Europa sorgen. Schaffen wir das?

Die Weltwirtschaft hat sich verändert. Wir haben bisher preiswerte Rohstoffe und Vorprodukte bezogen und damit hier Güter produziert. Die Welt hat dann unsere Güter, Autos oder Maschinen, gekauft. Das hat uns einen großen Wohlstand gebracht. Doch funktioniert das auch in Zukunft. Produziert die Welt diese Güter zukünftig selbst? Müssen wir zum Billig-Lohn-Land werden, damit überhaupt noch was funktioniert?

Die inneren Konflikte nehmen zu. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Menschen bei uns Schutz gesucht. Terror, Krieg, Hunger und Hoffnungslosigkeit in ihren Ländern haben sie zu uns geführt. Haben wir getan, was notwendig war, um diese Menschen bei uns leben zu lassen und ihnen eine Perspektive zu geben? Führen die Traumata der Flucht, das Gefühl, nicht erwünscht zu sein und schlechte Aussichten für die eigene Zukunft nicht zu einer Spirale der Gewalt? Wie können wir Humanität und Sicherheit miteinander verbinden?

Das Vertrauen in die Fähigkeit der Politik, Probleme zu lösen, schwindet rasant. Die großen Themen der Sozialpolitik: Rente, Krankheit, Pflege – sie tauchen ja nicht plötzlich auf. Der demografische Wandel ist seit fünfzig Jahren bekannt und beschrieben. Doch statt Lösungen zu beschließen und umzusetzen, wird alles vertagt. Nach dem Motto: Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann gründ‘ ich einen Arbeitskreis.

Nach meinen Beobachtungen entsteht bei jungen Menschen immer mehr das Gefühl, dass ihre Sorgen und Interessen nicht die Sorgen und Interessen der alten Menschen sind. Die sind aber inzwischen in der Mehrheit. Mit den Folgen der Erderwärmung werde ich mich nicht wirklich auseinander setzen müssen. Dann bin ich tot. Viele, vor allem ältere Menschen, weigern sich, den technischen Fortschritt zu nutzen. So bleibt Deutschland digitales Entwicklungsland. Marode Schulen, Unterrichtsausfall und das dumpfe Gefühl, dass die Inhalte von Bildung in Zeiten von KI und Social Media nicht mehr so recht passen, tun ihr übriges. Am Ende ist es für viele junge Menschen nicht überraschend, wie salopp Senioren und Seniorinnen darüber entscheiden, junge Menschen auf den Krieg vorzubereiten.

Alles ist irgendwie anders geworden. Alles ist irgendwie unsicher geworden. Mir ist klar: Ein Zurück in die Kindheit gibt es nicht. Einfach nur Klagen und Jammern löst auch kein Problem.

Es hilft wohl nichts. Wir müssen auf unser Herz hören. Wir müssen miteinander reden und wirklich zuhören. Erst hören und versuchen, zu verstehen und dann urteilen. Wir müssen unseren Verstand anstrengen, ganz genau auf die Sachverhalte schauen, auf die Welt schauen, wie sie ist. Die Wissenschaften befragen.

Das ist eine große Aufgabe, die viel Kraft kosten wird. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Aufgabe zu groß für uns ist. Sie ist auf jeden Fall zu groß für mich allein. Ich kenne nicht die Lösung für alle Probleme. Von wo könnte mir die Zukunft kommen, es zumindest zu versuchen?

Es überrascht sie jetzt vermutlich nicht wirklich. Doch meine Hoffnung kommt von dem Kind in der Krippe. Dieses Kind wird zu einem erwachsenen Mann und er wird die Liebe Gottes zu uns Menschen verkörpern. Er wird von sich selbst sagen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9).

Ich glaube Jesus seinen Gott. Ich vertraue auf den Gott, den Jesus verkündet und vorgelebt hat. Die Geburt ist, für sich betrachtet, keine besondere Geburt. Bis heute werden Kinder unter den schwierigsten Bedingungen geboren. Okay – es gibt Anzeichen und Hinweise. Da sind die Engel, die den Hirten eine große Freude verkünden. Später sind da die Sterndeuter aus dem Morgenland, die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr nach Nazareth.

Doch zunächst bleibt es erstaunlich ruhig. Dreißig Jahre passiert nichts Außergewöhnliches. Jedenfalls nichts, worüber man später berichten wird. Doch dann, ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, der Marsch mit den Anhängern nach Jerusalem, der Tod auf Golgatha und schließlich die Erfahrung: Das Grab ist leer! Jesus lebt! Das alles innerhalb eines Jahres, vielleicht von drei Jahren.

Erst danach erinnert man sich an die Geburt. Erkennt Gott in dem Kind in der Krippe. Erkennt: Gott ist in Bethlehem Mensch geworden. Er hat sich ganz klein gemacht. Zart, wehrlos, verletzlich. Man kann auch sagen: Weihnachten bekommt vom Kreuz her seine Bedeutung.

Es ist doch so: Die Erkenntnis, dass es einen Gott gibt, ist in etwa so spannend wie die Beobachtung, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist. Spannend wird es doch erst, wenn ich weiß, was dieser Gott von mir will. Wenn ich weiß, ob er überhaupt etwas von mir will.

Doch die Erkenntnis, dass es einen Gott gibt, der alles erschaffen hat und der mich liebt und der mein Leben und das Leben der Menschen, die ich liebe, zu einem guten Ende führen wird – diese Erkenntnis verändert alles. Ich glaube nicht an irgendeinen Gott. Ich glaube an den Gott, den mir Jesus aus Nazareth zeigt. Ich glaube an den Gott, den ich erkenne, wenn ich auf Jesus aus Nazareth schaue, auf sein Leben, auf seinen Tod und auf seine Auferstehung.

Der Gott Jesu Christi ist meine Hoffnung. Das ist keine Versicherung. Es kann mir alles geschehen, was Menschen geschehen kann. Ich kann morgen arbeitslos werden, einen Unfall erleiden oder an Krebs erkranken. Doch niemals kann ich aus der Hand Gottes fallen.

Als Jesus am Kreuz rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, da war Gott ihm so nah, wie er es nur sein kann. Das gibt mir im Angesicht der Probleme, die ich sehe, ein wenig Gelassenheit. Ich kann und ich muss die Welt nicht retten. Gott wird am Ende das Leben der Menschen und die ganze Schöpfung zu einem guten Ende führen. Wir sind alle geborgen in Gottes schützenden Händen. Wir sind alle geborgen in den Händen dieses kleinen Kindes.

Den Glauben an den Gott dieses Kindes in der Krippe von Bethlehem kann ich ihnen nicht andemonstrieren. Nach dem Motto: Weil a gleich b, deshalb c. Doch ich möchte sie ermuntern, sich auf diesen Gott einzulassen. Versuchen sie es doch einmal mit ihm. Sprechen sie mit ihm, noch heute Nacht. Geben sie ihm eine Chance. Geben sie sich selbst eine Chance. Ich verspreche ihnen: Ein Leben mit dem Gott Jesu Christi ist ein besseres Leben als ein Leben ohne ihn.

Predigt als PDF-Datei zum herunterladen.

Die Predigt wurde gehalten am 24.12.2025 in den Kirchen St. Michael in Hoya und St. Paulus in Syke sowie am 25.12.2025 in den Kirchen Maria Königin in Bruchhausen-Vilsen und Heilig Geist in Stuhr-Brinkum. Das gesprochen Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.

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