Predigt zum 2. Fastensonntag 2026
Wir sind in der Fastenzeit. Offiziell heißt diese Zeit in der Kirche die Österliche Bußzeit. Tatsächlich ist in diesen Wochen häufig die Rede von Umkehr, Sünde, Reue, Buße und Versöhnung.
Heute und an den kommenden Sonntage lade ich sie ein, über diese Begriffe nachzudenken. Jeden Sonntag über einen Begriff. Sie hängen war alle irgendwie zusammen. Doch erstens soll die Predigt ja nicht länger als zwei Stunden dauern und zweitens kommen wir dem Kern vielleicht näher, wenn wir sie einzeln betrachten.
Heute soll es um Sünde gehen. Am kommenden Wochenende um Reue, dann um Buße und schließlich um Versöhnung. Sie finden die Predigt immer jeweils am Sonntagabend auch auf meiner Internetseite. Geben Sie in die Suchmaschine ihrer Wahl einfach meinen Namen ein. Dann wird ihnen meine Internetseite sofort angezeigt. Fertig.
Heute geht es also um Sünde. Wenn jemand sagt: Ich habe gesündigt, dann denken wir vermutlich an ein Stück Kuchen, dass er oder sie nicht hätte essen sollen. Wir denken vielleicht auch an den Schnaps, den er oder sie nicht hätte trinken sollen. Vermutlich fühlen wir alle uns als Verkehrssünder, denn jeder und jede übertritt irgendwann einmal eine Verkehrsvorschrift. Doch wir fühlen uns heute nicht mehr ganz pauschal als arme kleine Sünder.
Was wurde den Menschen früher eine Angst gemacht. Die Älteren kennen vermutlich noch die Beichtspiegel, die es früher gab. Sie führten vor Augen, dass wir ständig irgendetwas falsch machen. Eigentlich musste man von der Beichte direkt zur Kommunion. Wenn auch nur Stunden oder gar eine ganze Nacht dazwischen lag – da konnten dann schon wieder so viele Sünden begangen worden sein… Wer als Sünder die Kommunion zu sich nimmt, der isst sich selbst das Gericht.
Es ist gut, dass diese Zeiten vorbei sind. Menschen lassen sich nicht mehr so einfach erniedrigen und klein halten. Zumindest nicht von der Kirche. Sie sind sich ihrer Stärken bewusst. Sie gehen heute hoffentlich ohne Angst und schlechtes Gewissen zur Kommunion.
Und doch drückt die Fastenzeit, die österliche Bußzeit, eine Erkenntnis aus, die nach wie vor für uns wichtig ist. Dazu müssen wir uns noch einmal mit der Frage beschäftigen: „Was ist Sünde?“ Mancher denkt dabei vielleicht an einen Katalog von Vorschriften. Von ganz vielen „Du sollst!“ oder „Du sollst nicht!“ Dann wäre Sünde eine Art Sammelbegriff für die zahlreichen Übertretungen von Vorschriften.
Doch diese weit verbreitete Vorstellung greift zu kurz. Sünde ist im Kern etwas ganz anderes. Das wird deutlich, wenn wir uns an den Grundkatalog unserer moralischen Regeln erinnern, an die zehn Gebote.
Das erste Gebot lautet: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Martin Luther fragt in seinem kleinen Katechismus sinngemäß: „Was ist das: einen Gott haben? Alles, worauf du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Alles, was wirklich wichtig ist in meinem Leben, das, wonach ich mein Leben ausrichte, das ist mein Gott. Das kann alles mögliche sein: Erfolg, Macht, Geld, Ansehen.
Wenn nun der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Vater Jesu Christi der Gott in meinem Leben ist, wenn er an erster Stelle kommt und das Wichtigste in meinem leben ist, dann werde ich den Namen des Herrn, meines Gottes, nicht missbrauchen. Dann werde ich den Feiertag heiligen. Dann werde ich Vater und Mutter ehren. Dann werde ich nicht töten. Und so fort.
Alles, was wir so gemeinhin als Sünde bezeichnen, ist die Folge der einen und ersten Sünde: den Gott und Vater Jesu Christi nicht als meinen Gott annehmen, mich von ihm abzuwenden. Sünde ist die Abkehr von Gott. Alles andere ist eine Folge dieser Sünde.
Jetzt wird vielleicht auch klar, um was es in der Österlichen Bußzeit eigentlich geht. Es geht nicht um die lückenlose Erinnerung an all die großen und kleinen Dinge, die ich im letzten Jahr falsch gemacht habe. Es geht darum, zu prüfen, welche Stellung Gott in meinem Leben hat. Steht er an erster Stelle oder ist nicht doch etwas anderen wichtiger? Es geht darum, die Maßstäbe in meinem Leben wieder zurechtzurücken.
Sünde ist die Abkehr von Gott. Doch die Vorstellung von Sünde drückt noch einen weiteren, wichtigen Zusammenhang aus. Die Zehn Gebote sind nicht einfach eine Ansammlung von Vorschriften, die Gott erlassen hat, weil er nun mal Gott ist. Vorschriften, die ich einhalten will, weil ich sonst Ärger mit Gott bekomme. Wer will das schon?
Nein! Das erste Gebot und die daraus folgenden Gebote, das Doppelgebot der Liebe als Zusammenfassung aller Gebote verlangen nach Beachtung, weil sie in der Natur unseres Menschseins angelegt sind. Gott hat uns so geschaffen, dass die Liebe zu ihm und zu unseren Mitmenschen zum Wesenskern unseres Menschseins gehört. Ein gelungenes und gutes Leben ist deshalb nur möglich, wenn ich diese Gebote beachte.
Was das praktisch bedeutet, sehen wir an Jesus Christus. Wir bekennen ihn als wahren Gott und wahren Menschen. Darüber kann man theologisch und philosophisch scharfsinnig diskutieren. Doch die Praxis ist ganz einfach.
Wenn wir auf Jesus Christus schauen, auf sein Leben und Sterben und seine Auferstehung, dann sehen wir, wie Gott ist. Wenn wir auf Jesus Christus schauen, auf sein Leben und Sterben und auf seine Auferstehung, dann sehen wir, wie wir als wahre Menschen leben können.
Umkehr, die Hinwendung zu Gott ist daher die Besinnung auf mein wirkliches Menschsein. Die Gebote kommen mir dann ganz automatisch in den Sinn und ich werde mich bemühen, sie zu beachten. Nicht weil es Gebote sind. Sondern weil ich als wahrer Mensch leben will.
Predigt als PDF-Datei zum Herunterladen.
Die Predigt wurde gehalten am 28.2.2026 in der Kirche St. Paulus in Syke sowie am 1.3.2026 in den Kirchen St. Michael in Hoya und Heilige Familie in Weyhe-Kirchweyhe. Das gesprochen Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.