Predigt zum 4. Fastensonntag 2026
Heute feiern wir den 4. Fastensonntag. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte der Fastenzeit. Ostern leuchtet am Horizont auf. Wir haben Grund zur Freude. Deshalb mischt sich in das Violett der Fastenzeit das Weiß von Ostern. Die liturgische Farbe von heute ins Rosa.
Heute nun der dritte Teil meiner kleinen Predigtreise in der Fastenzeit. Nach Sünde und Reue ist heute die Buße das Thema. Ausgerechnet Buße! Das wird ein schwieriges Thema.
Viele kennen es sicher von früher. In der Beichte legt der Priester dem Beichtenden ein Bußwerk auf. Drei Ave-Maria oder vier Vaterunser oder ein Lied aus dem Gotteslob. In der Theologie nennt man das Tarifbuße. Die schwere der Buße hängt von der Schwere der Sünde ab. Doch es wirkt merkwürdig falsch am Platz.
Ein Blick in den Katechismus hilft manchmal weiter. Danach ist der Kern der Buße die innere Buße. Das meint Umkehr, die Bekehrung des Herzens. Wenn Sünde die Abkehr von Gott ist, dann ist Umkehr und innere Buße die Hinwendung zu Gott. Genau das ist Reue: die Einsicht in die Sünde und ihre Folgen. Die Reue führt dann zur Umkehr. Reue und innere Buße gehören zusammen.
Wenn ich mich von Gott abwende und sündige, dann schade ich fast immer mir selbst und anderen Menschen. Deshalb ist der erste Akt der Buße die Wiedergutmachung. Ich versuche, einen angerichteten Schaden zu heilen. Wenn ich etwas beschädigt habe, wenn ich etwas gestohlen habe oder wenn ich jemanden betrogen habe, dann ersetze ich den Schaden.
Schwieriger wird es, wenn ich die Unwahrheit gesagt oder gelästert oder getratscht habe. Wenn ich jemanden enttäuscht oder verletzt habe. Dann ist die Wiedergutmachung nicht so ganz einfach.
Manchmal übersteigt es auch meine Möglichkeiten. Ich habe gar nicht so viel Geld oder die Beziehung ist so zerrüttet, dass ein Gespräch oder eine Wiedergutmachung nicht möglich ist.
Manchmal übersteigt das, was ich getan habe, jede Form der Wiedergutmachung. Im Straßenverkehr habe ich einen Unfall verursacht, bei dem ein Mensch zu Tode gekommen ist. In der Klasse wird der Klassen-Depp mal wieder auf den Arm genommen und ich stehe daneben und mache nichts. Wenige Tage später tötet er sich selbst. Ich wollte doch nur Spaß machen, einen Prank machen. So wie die anderen im Internet. Doch der Mensch stürzt, verletzt sich und bleibt querschnittsgelähmt. Ich folge meinen Gefühlen und Leidenschaften und beginne eine intime Beziehung zu einer Frau, die verheiratet ist. Ihre Ehe zerbricht daran. Denken Sie an die Bedienung in dem Club in den Schweizer Bergen, die zu Silvester bei einer ausgelassenen Feier mit ihrer Wunderkerze an die Decke der Bar geraten ist und damit ein Feuer auslöste, das 120 Menschen das Leben kostete.
Wiedergutmachung ist nicht immer möglich. Wir stehen dann hilflos und ohnmächtig vor den Folgen unseres Tuns oder Nichttuns.
Buße ist auch kein Tauschgeschäft. Ich habe etwas falsch gemacht und bin mir sicher, dass Gott darüber verärgert ist. Nun bestrafe ich mich selbst durch möglichst schwere Bußakte. Doch Gott ist kein Händler nach dem Motto: Seelenheil gegen Bußwerke.
Vielleicht kann ich Gott damit beeindrucken, dass ich die Fesseln des Unrechts löse und die Stricke des Jochs entferne. Wenn ich den Hungrigen das Brot breche. Wenn ich obdachlose Arme ins Haus aufnehme. Wenn ich einen Nackten bekleide und wenn ich mich der Verwandtschaft nicht entziehe. Der Prophet Jesaja formuliert diese Forderungen in seiner Kritik an der Fastenpraxis seiner Zeit.
Wiedergutmachung und Werke der Gerechtigkeit, ein Leben nach Gottes Willen. Darin besteht die Buße. Voraussetzung dafür ist die Reue, die Einsicht. Ich faste nicht, um Gott etwas zu geben und ihn umzustimmen. Sondern ich faste, um zu einer Umkehr zu finden. Ich faste, um mein Leben zu prüfen und zu einer inneren Buße zu kommen.
Denken sie an das Gleichnis vom verlorenen Sohn oder besser dem Gleichnis vom barmherzigen Vater. Der Sohn lässt sich das Erbe auszahlen und verlässt Vaterhaus und Heimat. In der Fremde verprasst er das Vermögen und wird bettelarm. Im Mittelpunkt steht die Einsicht, etwas falsch gemacht zu haben. Der Sohn nimmt sich daraufhin vor, sein Leben zu ändern und kehrt zum Vater zurück. Der nimmt ihn auf und feiert ein Fest. Ganz ohne Werke der Buße.
Jetzt bin ich ihnen noch eine Antwort schuldig geblieben. Es kann sein, dass ich etwas tue oder unterlasse, was gewaltige Folgen hat. Was meine Möglichkeiten zur Wiedergutmachung übersteigt. Vielleicht sagen sie jetzt: das ist mir zum Glück noch nicht passiert.
Deshalb setze ich noch einen Gedanken obendrauf. In der katholischen Kirche wird der Begriff der „strukturellen Sünde“ diskutiert. Es gibt gesellschaftliche Strukturen, die das Böse fördern.
Zwei Beispiele: Ein Landwirt mästet Geflügel und die Tiere leiden unter den Bedingungen, unter denen sie leben und am Ende sterben müssen. Der Landwirt trägt eine persönliche Verantwortung. Doch er handelt innerhalb eines Systems, das ein solches Verhalten fördert – wenn nicht sogar fordert. Wir leben hier im Wohlstand. Wir haben ein Dach über den Kopf, wir haben genug zu essen und zu trinken und wenn wir krank sind, dann gehen wir zum Arzt. Zumindest die allermeisten Menschen hier. Viele Menschen auf der Welt haben das nicht. Unser Wohlstand und deren Armut hängen aber zusammen. Weil wir Europäer die Welt jahrhundertelang ausgebeutet habe und weil wir die Verhältnisse, in denen wir leben und wirtschaften zu unseren Gunsten gestaltet haben. Das ist in jedem Fall ein großes Unrecht und wir sind die Nutznießer. Jeder und jede einzelne von uns. Was kann ich schon dagegen tun? Gegenfrage: Tue ich denn, was ich tun könnte?
Wie gehe ich mit schwerer Schuld um, für die es keine Wiedergutmachung gibt? Auf all diese Frage habe ich keine wirklich gute Antwort. Das Stichwort heißt in unserem Glauben Erlösung. Damit nähern wir uns dem Geheimnis von Karfreitag und Ostern.
Predigt als PDF zum Herunterladen.
Die Predigt wurde gehalten am 14.3.2026 in der Kirche St. Michael in Hoya. Das gesprochene Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.