Reue ist die Einsicht in das, was wirklich zu einem guten Leben hilft

Predigt zum 3. Fastensonntag 2026

Heute feiern wir den 3. Fastensonntag. Wir sind also schon mitten in der österlichen Bußzeit, mitten in der Fastenzeit. In diesen Wochen ist ganz häufig die Rede von Umkehr, Sünde, Reue, Buße und Vergebung.

An den Sonntagen der Fastenzeit möchte ich mit ihnen über diese Begriffe nachdenken. Jeden Sonntag über einen Begriff. Am letzten Sonntag über die Sünde. Heute über die Reue. Am kommenden Sonntag über die Buße und am 5. Fastensonntag schließlich über Vergebung und Versöhnung.

Heute also die Reue. Reue scheint ein ganz einfacher Begriff zu sein. Was gibt es darüber schon groß zu sagen?

Das Konzil von Trient hält 1551 fest: „Die Reue … ist der Seelenschmerz und der Abscheu über die begangene Sünde, verbunden mit dem Vorsatz, fortan nicht zu sündigen“ (DH 1676). So steht es denn seitdem in jedem Katechismus. Bis heute. So kennen wir das auch von Kindern: „Ja, ich habe den Ball in das Fenster geschossen. Ich will es auch nie wieder tun.“

Auch unser Strafrecht kennt die tätige Reue. Darunter versteht man, dass ein Täter die von ihm begangene Tat bereut und durch ein aktives Verhalten den Versuch unternimmt, eine Wiedergutmachung des angerichteten Schadens oder zumindest eine Abmilderung der Folgen seiner Tat zu erreichen. Wenn die tätige Reue freiwillig und rechtzeitig erfolgt, dann kann das Strafmaß gemildert und manchmal auch ganz aufgehoben werden. In welchem Umfang des möglich ist, hängt von der begangenen Straftat ab. Ein Mörder wird auch mit tätiger Reue nicht straffrei bleiben.

Die Kirche kennt zwei unterschiedliche Formen der Reue: die vollkommene Reue und die unvollkommene Reue. Die vollkommene Reue folgt aus der Liebe zu Gott. Ich bereue, weil ich Gott lieben. Ich bereue, weil ich bemerke, dass ich mit meinem Tun oder Nichttun Gott beleidigt habe. Die unvollkommene Reue folgt aus der Angst vor Strafe. Ich erkenne, dass ich etwas getan habe, das eine Strafe nach sich zieht. 

Vermutlich bemerken sie auch, dass diese Form der Reue viele Jahre eine Hauptform war. Warum es diese oder jene Gebote gab und warum es sinnvoll ist, sie einzuhalten, war nicht so wichtig. Man musste die Gebote halt einhalten. Ansonsten warteten Strafen jetzt oder im Fegefeuer. Im schlimmsten Fall wartete die Hölle. Bis heute erlebe ich immer wieder Menschen, die von großen Ängsten vor schweren Strafen geplagt werden.

Den Unterschied zwischen vollkommener und unvollkommener macht die Einsicht. Es heißt ja auch im Volksmund: Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Zur Erinnerung: Sünde ist die Abkehr von Gott. Wenn ich eines der Gebote übertrete, dann ist das die Folge meiner inneren Abkehr von Gott. Ich wende mich von Gott und von den Menschen ab. Damit schade ich meinen Mitmenschen und mir selbst. Die Einsicht in diesen Zusammenhang nennen wir Reue. Es geht also nicht um die Angst vor Strafen, sondern um die Einsicht in die wirklichen Zusammenhänge in meinem Leben.

Deutlich wird das in der Begegnung von Zachäus und Jesus. Sie kennen diese Geschichte vermutlich alle. Zachäus ist ein korrupter und hinterlistiger Zöllner. Er arbeitet mit der Besatzungsmacht zusammen. Er erhebt willkürlich Zoll. Bei dem einen etwas mehr, bei dem anderen etwas weniger. Immer aber in die eigene Tasche. Zachäus ist kein angenehmer Zeitgenosse. Alle sind sich einig: Zachäus ist ein widerlicher Typ.

Ausgerechnet bei Zachäus lädt Jesus sich selber ein. Ausgerechnet dieser Zachäus erhält die Ehre, dass Jesus bei ihm zu Abend isst. Von dem Abendessen berichtet der Evangelist Lukas nichts. Jedenfalls erzählt er nicht davon, dass Jesus dem Zachäus Vorhaltungen macht oder ihm ins Gewissen redet. Jesus erklärt ihm nicht, was für ein schlechter Mensch er ist. Doch Jesus wendet sich Zachäus zu. Genau das verändert Zachäus und er erkennt: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück“ (Lk 19,8).

Zachäus kommt zur Einsicht. Er bemerkt, dass er seine Beziehung zu Gott völlig falsch eingeschätzt hat. Er hat durch sein Verhalten seinen Mitmenschen geschadet. Dadurch hat er sich selbst in seiner Beziehung zu Gott geschadet. Zachäus handelt nicht aus Angst vor Strafen, sondern aus Einsicht.

Junge Menschen sehen sich heute vielen Erwartungen und Wünschen ausgesetzt. Sie sollen schön und klug sein. Sie sollen in der Schule, Ausbildung und Studium gute Noten haben. Sie sollen einen attraktiven Freund oder Freundin haben, mit der man sich blicken lassen kann. Sie sollen einen ausgefeilten Geschmack haben und genug Geld, um sich all die Sachen leisten zu können, die man braucht, um Glücklich zu sein. 

Dabei sind das nicht nur die Ansprüche von den Menschen, die ganz wirklich um sie herum sind. Es sind auch die Ansprüche, die durch die sozialen Medien transportiert werden. kimvirginiaa, maxima_official, twenty4tim und Jani & Yaki sind für sie reale Bestandteile ihrer Welt. Viele Jugendliche leiden unter diesen Ansprüchen und manche zerbrechen auch daran. 

Jetzt kommt auch noch die Kirche mit ihren Regeln und Geboten. Das macht das Leben ja nur noch schwerer. Das kann man so sehen. Doch ich habe das ganz anders erlebt. Mir hat mein Glaube an Jesus, den Christus, eine große Last von den Schultern genommen. Mein Glaube hat mich befreit, so dass ich mein Leben in Angriff nehmen konnte.

Durch die Hinwendung zu Gott erkenne ich, dass all die Ansprüche und Erwartungen der anderen Menschen bestenfalls die zweite Geige spielen. Der, auf den es ankommt, der, der wirklich wichtig ist in meinem Leben, der sagt zu mir: Ich liebe dich. So wie du bist. Du musst nichts Besonderes tun und nichts besonderes leisten. Ich bin auf deiner Seite und ich gehe mit dir. All die anderen Erwartungen und Wünsche kannst ich mir in Ruhe anschauen. Helfen sie mir, meine eigenen Ziele zu erreichen? Geben sie mir Kraft, meine Talente einzusetzen? Führen sie mich zu einem guten Leben?

Glauben ist das Vertrauen in die Liebe Gottes und die Einsicht in das, was mir wirklich zu einem guten Leben hilft. Gutes Leben ist dabei eben nicht ein Leben in Gesundheit und Wohlstand, ein Leben im Konsumrausch. Gutes Leben ist ein Leben mit Gott. Es ist auch dann ein gutes Leben, wenn das Verzicht bedeutet oder gar mein Leben fordert. „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“ (Mt 16,25). Diese Einsicht nennen wir Christen Reue. Wie bei Zachäus befreit diese Einsicht zum Leben.

Predigt als PDF zum Herunterladen.

Die Predigt wurde gehalten am 7.3.2026 in der Kirche Maria, Königin des Friedens in Bruchhausen-Vilsen sowie am 8.3.2026 in der Kirche Heilig Geist in Stuhr-Brinkum. Das gesprochene Wort ist im Detail sicher von dieser Fassung abgewichen. Das gesprochene Wort einer Predigt hat eine Dynamik, die hier nicht erzeugt werden kann.

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