Predigten

Der Größte von euch soll euer Diener sein

Predigt in der Heiligen Messe zum 31. Sonntag im Jahreskreis

Lesejahr A: Mt. 23,1-12

Liebe Brüder und Schwestern,

heute ist mal wieder Pharisäer-Bashing angesagt. Die Pharisäer kommen in den Evangelien zumeist schlecht weg. Sie sind die Bösen. Sie stellen die hinterhältigen Fragen und wollen Jesus aufs Glatteis führen. Wenn man Jesu Antwort hört, dann tut diese Kritik richtig gut. So ist es doch. Bis heute. Da sind die Menschen mit ihren hohen moralischen Ansprüchen, die dann doch immer wieder dahinter zurück bleiben.

„Denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen.“ Auch und gerade Vertreter der Kirche, allen voran Kardinäle, Bischöfe und Priester müssen sich diese Kritik gefallen lassen. Die Kirche vertritt einen hohen moralischen Anspruch. Das Bodenpersonal bleibt dagegen oft genug weit hinter diesem Anspruch zurück. Sie predigen Wasser und trinken dann doch heimlich den guten Wein.

„Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selbst aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.“ Wie passt das zusammen? Da sind die Menschen, die auf die Folgen des Klimawandelns hinweisen und dann ein Auto fahren, das mehr als acht Liter Benzin oder Diesel verbraucht und die dann mit diesem Auto auch noch ihr Kind in die zwei Kilometer entfernte Kita bringen. Wie passt das zusammen? Da sind die Menschen, die für die Abschaffung der Massentierhaltung und für das Tierwohl eintreten und dann das Hacklfeisch für 2,99 € beim Discounter kaufen.

„Alles, was sie tun, tun sie nur, damit die Menschen es sehen.“ Dafür werden heute ganz neue Wörter erfunden. Sozialsponsoring zum Beipsiel oder Umweltsponsoring. Sie können heute mit jeder Flasche Bier ihren Beitrag zur Rettung des Regenwaldes leisten. Hersteller von Luxusfahrzeugen mit Zielvorrichtung sponsorn die Tafel. Damit wird es schwer, mit gutem Gewissen einzukaufen.

Die Pharisäer sind sozusagen Prototoypen. An ihnen wird vieles deutlich, was wir auch heute um uns herum beobachten können. Sie sind sozusagen zeitlos aktuell.

Doch als ich das Evangelium noch einmal in Ruhe gelesen habe, musste ich mich doch wundern. Jesus kritisiert die Haltung der Pharisäer nicht. Jedenfalls nicht ausdrücklich. Im Evangelium von heute steht nirgend der Aufruf, moralischen Anspruch und tatsächliches Verhalten doch besser in Übereinstimmung zubringen. Es gibt keinen Aufruf, die eigenen moralischen Forderungen auch selbst zu übernehmen. Es gibt, zumindest im heutigen Evangelium, auch keinen Aufruf, sich mit äußeren Zeichen zurückzuhalten.

Es gibt noch eine vierte Eigenschaft, die Jesus an den Pharisäern beschreibt. Sie erwarten die Ehrenplätze beim Festmahl und in der Synagoge. Sie wollen, dass man sie grüßt und mit einem Ehrentitel anspricht. Genau das kritisiert Jesus ausdrücklich: Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen! Ihr sollt niemanden auf Erden euren Vater nennen! Ihr sollt euch auch nicht Lehrer nennen lassen. Unter den Christen soll es genau anders sein als unter den Pharisäern: „Der Größte von euch soll euer Diener sein.“

Noch erstaunlicher: Bei aller direkten oder indirekten Kritik an den Pharisäern sagt Jesus auch: „Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen.“ Wie passt das zusammen?

Jesus weist hier auf eine grundlegende Einsicht hin: Ob das, was jemand sagt, richtig oder falsch ist, hängt nicht davon ab, was er tut. Ob die moralischen Forderungen der Kirche richtig oder falsch sind, hängt nicht davon ab, wie ihre Würdenträger sich verhalten. Ob der Klimawandel schädlich ist und ob wir etwas dagegen unternehmen müssten hängt nicht davon ab, ob und mit welchem Auto ich fahre. Dass wir Tiere nicht quälen dürfen ist auch dann richtig, wenn ich billiges Fleisch kaufe. Und es bleibt richtig, sich für die Rettung des Regenwaldes einzusatzen – auch dann, wenn eine Biermarke Werbung damit macht.

Umgekehrt gilt aber auch: Wer auf die Gebote Gottes aufmerksam macht, auf den Klimawandel hinweist oder Tierwohl einfordert ist deshalb noch kein besserer Mensch. Es ist im Gegenteil so, dass wir alle weit hinter unseren eigenen Erwartungen zurück bleiben. Keiner von uns erfüllt die Erwartungen und Möglichkeiten, die Gott an uns heranträgt. Deshalb steht niemandem der moralische Ehrenplatz zu. Nicht beim Festmahl und auch nicht in der Synagoge bzw. in der Kirche. Niemand soll sich Rabbi oder Vater oder Lehrer nennen lassen. So als sei er oder sie mit moralischer Autorität über andere Menschen erhaben. Deshalb ist die einzig angemessene Haltung die Haltung des Dieners aller. Jesus hat es mit der Fußwaschung am Abend vor seiner Verhaftung vorgemacht.

Was kann das für uns praktisch bedeuten, wenn wir durch die Kirchentür in die Welt gehen? Wir sollen und wir müssen darüber reden und wir dürfen auch darüber streiten: Was ist ein Gott gefälliges Leben? Was fördert unser Zusammenleben und was stört es? Was tut mir und meinen Mitmenschen gut und was behindert sie oder mich? Wir müssen das aber auf eine Art und Weise tun, die klar macht: Niemand ist dem anderen moralisch überlegen. Niemand hat in seiner Beziehung zu Gott dem anderen etwas voraus. Niemand von uns kann sich zum Lehrer über den anderen aufschwingen. Als Priester bin ich kein besserer Menschn als sie, sondern ich habe eine andere Aufgabe: Ich bin nicht Herr über ihren Glauben, sondern Helfer zu ihrer Freude.

Nur so können wir die Dinge auseinander halten: Das Urteil über das, was jemand getan hat oder tun müsste und das moralische Urteil über den Menschen. Das klingt nun alles so schön soft und weich. Alles scheint sich in Wohlgefallen aufzulösen. Doch diese Unterscheidung gilt auch für Harvey Weinstein, für Anis Amri und für den Attentäter von New York. Wer sich einem anderen Menschen moralisch überlegen fühlt, hat – so fürchte ich – von Jesus nicht viel verstanden. Zumindest nicht vom heutigen Evangelium.

[Die Predigt habe ich am 5.11.2017 im Rahmen einer Heiligen Messe in der Pfarrkirche St. Josef in Haren-Emmeln und in der Pfarrkirche St. Clemens in Haren-Wesuwe gehalten. Für die Predigt hatte ich mir Stichworte notiert. Die hier nachträglich geschriebene Lesefassung der Predigt kann daher vom gesprochenen Wort der Predigt abweichen.]

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