Predigten

Wir fahren mit den nächsten Zug

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Liebe Schwestern und Brüder,

wieder so ein Sonntag, an dem wir uns bei der Predigt nicht anschauen können. Dabei ist eine Predigt ja keine Vorlesung, bei der ich Ihnen einen Text vorlese. Eine Predigt ist immer, wenn auch begrenzt, ein Dialog. Sie wirkt nur mit und durch die Gegenwart aller Anwesenden.

Dabei hatten wir Hoffnung, dass sich ab heute etwas ändert. Die Begrenzungen und Verbote waren ja bis zum 18. April befristet, über ihre Aufhebung sollte entschieden werden. Es wurde entschieden. Die beschlossenen Maßnahmen sollen mindestens bis zum 3. Mai fortdauern. Es gibt aber auch gewisse Lockerungen. Kleinere Geschäfte dürfen wieder öffnen, der Schulbetrieb soll wieder aufgenommen werden.

Kirchen sind enttäuscht. Bei ihnen soll sich nämlich nichts ändern. Autohäuser und Boutiquen sollen wieder öffnen, Kirchen aber nicht. Das empfinden manche als ungerecht. Doch ich finde es gerecht und auch in Ordnung.

Auch wenn die Maßnahmen der vergangenen Wochen offensichtlich Wirkung zeigen und die Zahl der Neuinfektionen rückläufig ist – das Virus ist noch nicht besiegt. Es gibt weiterhin keine medizinische Therapie für schwer erkrankte Menschen und es gibt keinen Impfstoff. Deshalb gelten die Abstands- und Hygieneregeln weiter. Mindestens 1,50 Meter Abstand, Hände waschen und wo möglich Mund-Nasenschutz.

An den Schulen sehen wir jetzt und werden wir sehen, wie schwierig diese Regeln umzusetzen sind. Auf dem Schulweg in Bussen und Bahnen und in den Schulen. Außerdem: Wie werden sich die Menschen in den Innenstädten und in den Geschäften verhalten?

Es ist ein großes Experiment und wir werden frühestens in zwei Wochen wissen, ob es gelungen ist. Wir müssen damit rechnen, dass Lockerungen auch wieder zurückgenommen werden müssen. Deshalb ist es wichtig, die Lockerungen „Zug um Zug“ zu veranlassen. Nur so können wir dann auch zielgerichtet Maßnahmen auch wieder zurücknehmen. Sonst bleibt uns im Fall der Fälle nur eine erneute Vollbremsung.

Gottesdienste gehören nicht zum ersten Zug. Das mag man bedauern. Immerhin besuchen in Deutschland am Wochenende etwa 3 Millionen Menschen einen Gottesdienst. An hohen Feiertagen und zu besonderen Anlässen auch noch mehr Menschen. Da nicht alle Menschen jeden Sonntag einen Gottesdienst besuchen aber doch häufiger als Weihnachten und Ostern, dürfte die Gesamtzahl der mehr oder weniger regelmäßigen Gottesdienstbesucher noch deutlich höher sein. Wir nähern uns dann schnell der Marke von 10 Prozent der Bevölkerung.

Ganz sicher werden wir nach dem 3. Mai nicht Gottesdienst feiern und ein Gemeindeleben haben wir vor Corona. Es wird Beschränkungen für die Zahl der Mitfeiernden geben, Anweisungen für die Sitzordnung in der Kirche, vielleicht Vorschriften für einen Mund-Nasenschutz. Es wird Regeln für den Kommunionempfang geben, vielleicht auch Vorschriften für die Hände-Reinigung. Werden nur Gottesdienste erlaubt oder auch andere Zusammenkünfte? Wie werden Treffen zur Vorbereitung von Erstkommunion und Firmung ablaufen? Dürfen Senioren-Nachmittage stattfinden und was ist zu beachten? Wie halten wir bei Taufen und Hochzeiten Abstand?

Am Freitag hat es ein Gespräch mit Vertretern der Bundesregierung und der Landesregierungen und Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften gegeben. Darin wurde vereinbart, in der nächsten Woche einen Vorschlag zu machen, wie z.B. christliche Gottesdienste unter Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften gefeiert werden können. Dieser Vorschlag wird dann bis Ende der übernächsten Woche bewertet und dann entschieden. Vielleicht sind die Kirchen im zweiten Zug ab dem 3. Mai dabei.

Warum feiern wir eigentlich Gottesdienst? Dumme Frage? Gott braucht diese Gottesdienste nämlich nicht. Es gab Religionen, in denen waren die Opferhandlungen tatsächlich wichtig für den oder die Götter. Die lebten davon. Unser Gott braucht das so nicht. Gott freut sich, wenn wir uns für ihn öffnen, ihm Zeit und Raum in unserem Leben geben, über seine Worte nachdenken und wenn das Konsequenzen für unser praktisches Handeln hat. Doch unser Gott sieht in unser Herz und er weiß, warum wir etwas tun oder warum wir es nicht tun. Deshalb braucht unser Gott auch keine Gottesdienste als Zeichen unserer Frömmigkeit.

Doch wir brauchen Gottesdienste. Im Gottesdienst begegnen wir Gott im Wort, in den Zeichen von Brot und Wein und in unserem Bruder und unserer Schwester. Diese Begegnungen brauchen wir Christen für unser Christsein wie die Luft zum Atmen. Denn wir Christen setzen auf den Gott, den dieser Jesus von Nazareth verkündet hat. Wir vertrauen Jesus und gestalten unser Leben in der Nachfolge dieses Mannes aus Nazareth. Er ist für uns der Messias, der Christus, der Gesalbte Gottes.

Wenn ich darüber nachdenke, dann kommen mir die Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern über das Sabbat-Gebot in den Sinn. Der Sabbat ist nicht einfach nur eine formale Vorschrift die nur deshalb von Bedeutung ist, weil sie von Gott kommt. Der Sabbat hat eine wichtige soziale Funktion, er ist eine soziale Errungenschaft ersten Grades. Ein Tag in der Woche, an dem man Aufatmen kann, nicht arbeiten muss, sich seiner Familie und Gott zuwenden kann. Der Sabbat ist das Zeichen für unseren Gott. Ein Zeichen dafür, dass es neben Arbeit und Geld und Aktivität noch etwas anderes gibt, das größer und erhabener ist. Deshalb waren die Auseinandersetzungen Jesu mit den Pharisäern so heftig. Es geht immerhin um etwas.

Jesus stellt klar: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. So wichtig und wertvoll der Sabbat auch sein mag – das Wohl der Menschen ist wichtiger. Er heilt die Hand eines Mannes am Sabbat. Der Mann hat schon seit Jahren diese verdorrte Hand. Hätte das nicht auch noch ein paar Stunden warten können? Der Mann hatte ja keine akute Not, er war nicht in Gefahr. Doch Jesus stellt das Wohlergehen des Mannes über alle Regeln. So sinnvoll diese Regeln auch sein mögen. Er heilt diesen Mann. (Zum Nachlesen: Mt 9,12-14 oder Mk 3,1-6 oder Lk 6,6-11.)

Gottesdienst zu feiern ist gut und richtig. Doch das Wohl der Menschen ist wichtiger. Es gibt eine konkrete und ernst zu nehmende Gefahr für das Wohl der Gottesdienst-Besucher. Deshalb war und ist es für mich ein Gebot der Nächstenliebe, Gottesdienste auszusetzen und die Pfarrheime zu schließen. Den Sabbat zu brechen. Vielleicht können wir mit Verantwortung diese Maßnahmen zurück nehmen, Gottesdienste mit bestimmten Einschränkungen feiern, gemeinsam beten.

Doch ich bin mir sicher: Gott ist auch in diesen Wochen, in denen wir uns nicht zum Gebet versammeln können, bei uns und mit uns. Er lässt uns nicht allein, auch wenn wir ihm nicht in der gemeinsamen Feier begegnen können. Wir wenden uns nicht von unserem Gott ab, sondern wenden uns im Gegenteil in unserem Alltag ihm zu. Deshalb bin ich in diesen Wochen traurig und mir fehlt etwas. Doch von meinem Gott kann mich nichts und niemand trennen.

Wir Christen sind nicht allein in unserem Land. Es gibt viele Menschen und soziale Gruppen mit ihren berechtigten Interessen. Es ist auch richtig, diese Interessen zu äußern und sich Gehör zu verschaffen. Im Zweifel müssen Gerichte klären, ob Maßnahmen der Regierung im Einklang mit dem Gesetz stehen. So funktioniert unsere Demokratie. Doch man muss nicht immer gleich die große Keule herausholen. Die Strategie unserer Regierungen leuchtet mir ein. Deshalb sollten wir jetzt nicht in Klagen und Wehgeschrei ausbrechen, den Niedergang des Abendlandes ausrufen und die beleidigte Leberwurst spielen. Lasst uns jetzt Vorbereitungen treffen, dass wir mit dem nächsten Zug mitfahren können. Ich bin mir sicher: Es wird auch dann eine Gruppe geben, die sich ungerecht behandelt fühlt.

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