Der andere Advent

Thematische Predigt zum 1. Advent.

Liebe Schwestern und Brüder,

heute feiern wir den 1. Adventssonntag. In mir steigen Erinnerungen auf. In der Adventszeit wurde bei uns Zuhause gebacken – der Duft von Plätzchen und Gewürzen steigt mir in die Nase. Der Advent war eine ganz besondere Zeit. Draußen war es lange dunkel, der Himmel häufig mit Wolken verhangen. Wir mussten im Haus spielen. Die erste Einstimmung war der Nikolaus. Da gab es Süßigkeiten. Am 17. Dezember hatte Tante Anni Geburtstag. Da war klar: jetzt dauert es nicht mehr lang. An jedem Adventssonntag haben wir uns um den Adventskranz im Wohnzimmer versammelt. Wir haben ein Vaterunser gebetet und Adventslieder gesungen. Das war meiner Mutter wichtig: Weihnachtslieder durften wir frühestens ab Heilig Abend singen. Vorher war das tabu.

Heute sprechen wir gar nicht mehr von Advent. Es ist die Vorweihnachtszeit. Es ist schon Weihnachten, aber noch nicht so richtig. Im September geht es los. Da sind die Printen und die Domino-Steine noch am frischesten. Die Vorweihnachtszeit beginnt offiziell heute am 1. Advent und findet am Heiligen Abend ihren Höhepunkt. Dazwischen unzählige Weihnachtsfeiern: in der Familie, in der Firma, im Sportverein, unter Freunden. Traditionelle Weihnachtsmärkte, die es längstens seit 20 Jahren gibt mit Glühwein und Punsch. Es wird gegessen und getrunken, als ob man damit das triste Wetter verändern könnte. Spätestens am 2. Weihnachtsfeiertag ist der Spuk wieder vorbei.

In diesem Jahr ist alles anders. „Gebt Acht und bleibt wach!“ hat eine ungeahnte Aktualität. Wir müssen in diesem Jahr besonders auf uns acht geben. Die Weihnachtsmärkte sind abgesagt, die Weihnachtsfeiern fallen aus. Auch in der Kirche: kein Frühstück nach der Rorate-Messe, kein Senioren-Adventscafe. Wir sollen Abstand halten. Wir sollen uns nach Möglichkeit gar nicht treffen. Social Distancing ist das neue Schlagwort. Jetzt ist Kreativität gefragt, auch in der Kirche. Wir wollen in Verbindung bleiben, auch wenn wir uns nicht begegnen. In diesem Jahr hat die Vorweihnachtszeit viel von ihrem Glanz verloren.

Vielleicht erinnern wir uns in diesem Jahr aber auch daran, dass es eine Adventszeit gibt. Eine Zeit der Vorbereitung. Nicht die Vorbereitung auf das Festmahl an den Feiertagen. Auch nicht die Vorbereitung auf den Geschenke-Tausch in der Familie. Wenn bei uns die Lüneburger Oma an Weihnachten zu Besuch kam, dann hatte meine Mutter immer besonders viel vorzubereiten. Nein, es ist die Vorbereitung auf die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus!

Das ist nämlich eine ganz ungeheuerliche Geschichte. Kinder werden zum Glück immer wieder geboren. Bis heute. Auch in ärmlichen Verhältnissen. Leider bis heute. Die Besonderheit ist ja, dass Gott in diesen ärmlichen Verhältnissen Mensch geworden ist. Im Leben und im Sterben dieses Menschen aus Nazaret erkennen wir Gott. Wenn wir auf Jesus schauen, dann sehen wir Gott. Doch nicht nur das. Wenn wir auf Jesus schauen, dann sehen wir auch, wie wir als Menschen sein können. Wir erkennen, wie wir wahre Menschen sein können. Wenn wir etwas über Gott wissen wollen, wenn wir wissen wollen, was Gott von uns will, wenn wir wissen wollen, was Gott für uns will – dann können wir auf Jesus schauen und bekommen Antworten auf unsere Fragen. Doch auch wenn wir etwas über uns Menschen wissen wollen, wenn wir wissen wollen, wie Gott unser Schöpfer uns will und wie wir durch unser Leben zu wahren Menschen werden können – dann können wir auf Jesus schauen und bekommen Antworten auf unsere Fragen. 

Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Darum geht es uns Christen an Weihnachten. Dabei ist das nicht offensichtlich. Das erkennt man nicht, wenn man im Vorübergehen einen Blick darauf wirft: „Ach ja, Gott und Mensch. Na klar!“ Und weiter gehts. In der Adventszeit geht es darum, einen unverstellten Blick auf die Welt und auf mich zu nehmen und zu erkennen, wie Not-wendig die Menschwerdung Gottes für uns Menschen und für die ganze Welt ist. Die Menschwerdung Gottes verändert die Welt, sie verändert mich. Die Menschwerdung wendet unsere Not. Sonst bleibt am Ende völlig unverständlich, was dieses Fest als Fest überhaupt soll.

Deshalb ist der Advent eine Zeit des Innehaltens. Früher war der Advent eine Fastenzeit. Eine Zeit, in der nicht nur mit Essen und Trinken gefastet wurde. Auch eine Zeit, in der mit Aktionen und Aktivitäten gefastet wurde. In unseren Breitengraden war die Ernte vorüber, die Früchte des Jahres waren eingefahren. Die ruhige Zeit begann. Vielleicht können wir die Gelegenheit in diesem Jahr beim Schopfe fassen und uns auf diesen Advent besinnen. An Weihnachten freuen wir uns dann über die Geburt unseres Herrn Jesu Christi. Früher waren wir am 2. Weihnachtsfeiertag so erschöpft von der Vorweihnachtszeit, dass wir froh waren, dass jetzt alles irgendwie wieder seinen normalen Gang ging. Mein Vorschlag: Wir drehen das einmal um. Wir treten im Advent zurück und besinnen uns auf die Bedeutung der Menschwerdung Gottes für uns und für die ganze Welt. Zu Weihnachten drehen wir dann aber auf und feiern Geburtstag – mindestens acht Tage lang! Das wird ein Fest!

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