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Sich ent-täuschen lassen

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Predigt zu Palmsonntag 2020

Der vierte Sonntag ohne eine Heilige Messe. Heute ist Palmsonntag. Der Sonntag, der die Heilige Woche eröffnet. Heute denken wir an den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. „Hosanna dem Sohn Davids! Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9) Die ganze Stadt Jerusalem ist in Bewegung und feiert den Rabbi aus Nazareth in Galiläa.

Die Sorge der Sicherheitskräfte

Vielleicht war Jesus selbst überrascht über diesen Empfang. Ganz sicher waren die Regierung und die Sicherheitskräfte von Jerusalem überrascht. Das Pascha-Fest stand vor der Tür. Tausende Pilger kamen aus dem ganzen Land nach Jerusalem und zum Tempel. Die Lage war jedes Jahr erneut heikel. Da war der Unmut über die römischen Besatzer es gab immer wieder Hitzköpfe, die zu Gewalt gegen die Besatzungstruppen aufriefen. Die Römer waren misstrauisch. Wenn sie die öffentliche Ordnung in Gefahr sahen, dann gingen sie sehr brutal gegen alles vor, was sie auch nur entfernt als Widerstand einstuften. Der Friede zwischen Besatzern und Stadtregierung war brüchig. Die Römer hatten gezeigt, dass sie ihre Interessen im Zweifel mit brutaler Gewalt durchsetzen würden.

Die Stadtregierung von Jerusalem hatte ihre Informationen und konnte die Lage für gewöhnlich gut einschätzen. Die Menschen folgten ihr. Doch am Ende ist das Volk unberechenbar. Manchmal genügt schon ganz wenig und es ist aus dem Häuschen. War es der Esel? Der Prophet Sacharja hatte es vorhergesagt: Der König, auf den ihr alle wartet, wird sanftmütig auf einem Esel in die Stadt einziehen. Nicht prunkvoll auf einem prächtigen Pferd. Im Gegenteil. Es war klar: Diesen Jesus aus Nazareth musste man im Auge behalten und einschreiten, bevor es zu spät ist.

Jesus provoziert

Es kam dann auch so, wie es kommen musste. Kaum war Jesus in Jerusalem angekommen, ging er in den Tempel. So, wie es sich gehört. Doch statt dort zu beten und ein Opfer darzubringen rebelliert er gegen den ganzen Tempelkult und wirft die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. Das ist Rebellion! Wie soll ohne Händler und Geldwechsler der Tempelkult funktionieren? Die Pilger können ja die Opfertiere auf ihren weiten Wegen nicht mitbringen. Außerdem konnte man die Dinge ja nicht mit Geld bezahlen, das gegen das zweite Gebot verstößt.

Jesus lässt nicht locker. Er legt sich mit der religiösen Oberschicht an, streitet mit den Pharisäern, spricht über das Ende der Welt. Doch er legt sich nicht mit den Römern an. Als man ihn fragt, ob es erlaubt sei, dem Kaiser in Rom Steuern zu zahlen, ruft er nicht etwa zum Steuer-Boykott auf. Er antwortet vieldeutig: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Mt 22,21)

Die Sicherheitskräfte müssen handeln

Es gärt in Jerusalem. Täglich, ja stündlich konnte die Stimmung kippen und die Römer fühlen sich zum Eingreifen gezwungen. Also musste etwas geschehen: „Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht“ (vgl. Joh 11,50). Doch man musste vorsichtig sein und so wenig Aufsehen erregen, wie möglich.

Wir wissen, wie es weiter ging. Jesus wurde verhaftet, verurteilt und hingerichtet. Bemerkenswert: Als das Volk die Wahl hatte, rief es: „Kreuzige ihn!“ Die ihm vor wenigen Tagen noch zugejubelt hatten, forderten nun seinen Tod. Gut, die Regierung hatte nachgeholfen und bezahlte Schreihälse dafür, dass sie passende Stimmung machten. Doch es ist schon erstaunlich, wie wenig am Ende erforderlich ist, um eine große Menschenmenge in die richtige Richtung zu lenken.

Wenn wir heute an den Einzug Jesu in Jerusalem denken, dann haben wir immer auch das Ende vor Augen. Heute „Hosianna!“ und am Freitag „Kreuzige ihn!“ Das Volk ist halt wankelmütig und je höher der Flug, desto tiefer der Fall. Doch ist es so einfach?

Der öffentliche Jesus und der wirkliche Jesus

Jesus eilte ein Ruf voraus. Er zog Menschen in seinen Bann. Er hatte Menschen geheilt, Tote auferweckt und predigte die Liebe Gottes. Er war der Nachkomme des großen Königs David, auf den alle warteten. Er musste der Gesalbte Gottes sein, der Messias, der die Verheißungen Gottes Wirklichkeit werden lässt: in Frieden leben in dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Er wird das Reich des Königs David wieder errichten, die Besatzer aus dem Land jagen und dafür sorgen, dass das Gesetz des Mose wieder überall im Land zur Geltung kommt.

Doch Jesus war anders. Der Esel hätte es schon zeigen können. In Jerusalem irritierte er immer wieder. Er rief nicht zum Umsturz auf, machte keine Anstalten, Männer für einen Aufstand um sich zu sammeln. Er nutzte die Gunst der Stunde nicht, er ließ die Begeisterung verpuffen. Kein Steuer-Boykott. Dafür Aufrufe zur Nächstenliebe und zur Sorge um den Mitmenschen: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Die Menschen, das Volk, hatte all seine Wünsche und Erwartungen, seine tiefsten Sehnsüchte in diesen Mann gelegt. So haben sie ein Bild von Jesus geschaffen, das ihnen entsprach aber das eben nicht Jesus war. Als Jesus in Jerusalem einzog, jubelten sie ihren Wünschen und Träumen zu und eben nicht dem Sohn Gottes. Deshalb war die Enttäuschung womöglich umso größer, als sie ihren Irrtum bemerkten.

Mein Gesicht in der Menge

Den Palmsonntag habe ich immer schon mit sehr gemischten Gefühlen gefeiert. Wir feiern den Triumph in Jerusalem und hören die Leidensgeschichte. Freud und Leid liegen am Palmsonntag besonders dicht beieinander. Die Hauptrollen haben am Palmsonntag aber eindeutig Jesus, der Esel und das Volk. Doch das Volk bleibt seltsam anonym, eine gesichtslose Menge.

Kann ich mein Gesicht in diese Menge kleben? Es geht ja nicht um Wankelmütigkeit. Es geht um mein Bild von Jesus. In meinem Bild von Jesus sind natürlich meine Wünsche und Sehnsüchte eingeschlossen. Mein Bild von Jesus ist ohne mich nicht denkbar. Es gibt kein neutrales Bild von Jesus.

Mein Bild von Jesus

Doch ist dieses Bild von Jesus offen für Überraschungen oder glaube ich, alles über Jesus zu wissen? Was blende ich aus, was betone ich?

Es gibt zum Beispiel die berühmte Rede über das Weltgericht. Die Rede, in der der Hirte die Böcke von den Schafen trennt und der König den Schafen sagt: „Kommt, ihr gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet ist“ (Mt 25,34). Das ist eine schöne Zusage. Doch meistens vergessen wir den zweiten Teil. Den Böcken nämlich sagt er: „Hinweg von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“ (Mt 25,41)

Auch die Gleichnisse sind keineswegs so harmlos, wie sie häufig dargestellt werden. Es gibt offensichtlich Unkraut, das verbrannt werden wird. Das Gleichnis vom unbarmherzigen Schuldner endet auch nicht mit einer großen Versöhnung: „Und voll Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er ihm die ganze Schuld bezahlt hätte. So wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn nicht jeder von euch seinem Bruder von Herzen vergibt“ (Mt 18,34f.).

Ich brauche ein Bild von Jesus, sonst kann ich ihn nicht denken und sonst kann ich auch schlecht sagen: „Du bist der Messias, der Sohn Gottes, der Gesalbte.“ Doch Jesus ist immer anders, als ich es mir denke. Deshalb störe ich meine Beziehung zu Jesus, wenn ich ihn auf das Bild festlege, das ich von ihm habe. Deshalb vertiefe ich meine Beziehung zu Jesus, wenn ich Überraschungen zulasse und in mir die Sehnsucht pflege, ihn immer besser kennenlernen zu wollen.

Diese Erkenntnis ist nun so überraschend nicht. Alle Eheleute und alle guten Freunde werden dieses Geheimnis kennen.

Peter Grunwaldt

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