Predigten

Wo war Gott in meinem Leben?

Predigt zu 1 Kön 19,9ab.11b-13. Den Bibeltext finden sie z.B. hier: BibleServer.

Es heißt ja: Kindermund tut Wahrheit kund. Ich erinnere mich an einen Einkauf im Supermarkt, mit einem kleinen Kind an der Hand. Als wir an der Kasse in der Schlange standen sagte das Kind: Guck mal, Peter! Der Mann ist aber dick! Natürlich war ich peinlich berührt.

Die Kinder werden größer und manchmal wird es dann noch anstrengender. Die Kinder stellen nämlich Fragen. Früher oder später kommt die von allen Erwachsenen gefürchtete Frage: Warum? Warum dürfen wir bei grün fahren und nicht bei gelb? Ich versuche eine Antwort. Das ist halt so. Das hat man mal so festgelegt. Dann versuche ich mich noch in der Erklärung der psychologischen Wirkung von Farben.

Dann kommen aber auch die wirklich kniffligen Fragen. Warum gehst du in die Kirche? Glaubst du an Gott? Wo ist denn Gott?

Wenn man älter geworden ist und gemeinsam auf sein Leben zurückschaut, dann werden Erlebnisse erzählt, meistens gemeinsam gelacht, Kindheitserinnerungen ausgetauscht. Dann kommt aber auch unausweichlich die Frage: Wo war Gott denn in meinem Leben?

In der Lesung, die wir gerade gehört haben, geht es auch um die Frage nach Gott. Es fängt ganz harmlos an. Man könnte meinen, Elíja habe eine Treckingtour gebucht. Eine Übernachtungsstation lautet: Berg Horeb mit Höhlenübernachtung. Traumhafte Natur, ein Berg mit einem ganz großen Namen und einer faszinierenden Tradition. Gottesberg.

Doch dann wird Elíja aus seinem Übernachtungsquartier gerufen. Vor der Höhle spielt sich ein unglaubliches Spektakel ab. Die Gewalten der Schöpfung sind außer Rand und Band. Elíja ist zutiefst ergriffen. Plötzlich treten vergangene Erlebnisse wieder vor sein geistiges Auge und er spürt die Gegenwart Gottes im „sanften, leisen Säuseln“.

In den Naturgewalten der Lesung klingen viele Gottesbilder an: Sturm, Feuer, Erdbeben. So hat das Gottesvolk sich seinen Gott gedacht. So haben sie ihn erfahren. So haben sie ihn als Kämpfer an ihrer Seite, als Herrn der Welt erlebt und erlitten.

Doch Elíja macht eine Erfahrung, die ihn fast aus der Bahn wirft: So ist Gott gar nicht. Gott lässt sich vielmehr im „sanften, leisen Säuseln“, wir können auch sagen im kühlenden Wind, in der wohltuenden sanften Berührung ganz vorsichtig und einfühlsam spüren. Gott ist nicht der Vernichter und Gewalttäter. Er ist vielmehr derjenige, der ganz sensibel, ganz achtsam und ganz heilend in unserer Welt am Werk ist. Elíja verhüllt sein Haupt. Das bedeutet: Jetzt ist Gott da. Elíja weiß: Gott hat mich nicht verlassen. Ich kann zur Ruhe kommen.

Wenn man älter geworden ist und auf das eigene Leben zurückblickt, dann tauchen manchmal heftige Erfahrungen wieder auf und müssen verarbeitet werden. Dann wackelt manchmal das ganze Lebensgebäude. Hoffentlich sind dann Menschen da, die für das sanfte, leise Säuseln, für die befreiende und tröstliche Gegenwart Gottes stehen.

Mitunter kämpfen Menschen mit den Gottesbildern ihrer Kindheit. Da hat man ihnen beigebracht: Wenn du brav und gehorsam bist, wenn du betest und in die Kirche gehst, wenn du hilfsbereit und uneigennützig bist, dann kann dir gar nichts mehr passieren, dann ist Gott auf deiner Seite.

Doch dann fallen, trotz solchen „gottgefälligen Lebens“ die Schicksalsschläge und Krankheiten nur so über einen herein. Ein Scheitern jagt das nächste Unglück. Dann steht die Frage im Raum: Was habe ich nur falsch gemacht? Warum straft mich Gott so? Warum bin ich krank geworden? Wenn Gott gewollt hätte, dann hätte er mir das ja ersparen können. Dann hätte Gott mir das doch nicht geschickt.

Wir alle kennen solche Wüstensituationen. Augenblicke, in denen wir am liebsten alles hinwerfen und davonlaufen würden. In diesen Situationen, wenn alles bebt und zerbricht, wenn unser Glaube und unser Gottvertrauen auf eine harte Probe gestellt wird, wünsche ich uns die Erfahrung seiner leisen, tröstenden, ermutigenden Gegenwart, die mit dem hilflosen Wort „säuseln“ angedeutet ist. Gott will uns spüren lassen: Ich halte und trage dich! Ich richte dich auf und tröste dich.

Schauen wir auf das Kreuz. Für uns Christen ist das Kreuz das Symbol für die Gegenwart Gottes. Doch tatsächlich ist es zunächst ein Folterinstrument, es ist das Zeichen für einen langsamen und qualvollen Tod. Das Kreuz ist zunächst das Zeichen für die größten Schmerzen und dem Gefühl, dass Gott nun weit weg ist. Doch wir Christen wissen: Er ist trotzdem da. Denn es ist nicht bei dem Kreuz geblieben. Gott kann und Gott wird jedes Unglück wenden.

Unsere Erziehung hat uns geprägt. Uns wurde vermittelt, was richtig und falsch ist und uns wurde dies oft noch als Willen Gottes beschrieben. Jedes Erdbeben unseres Lebens, jeder Sturm, der uns kräftig hernimmt, jedes Feuer, das Gewohntes zu Asche macht, kann uns helfen, neu Ausschau zu halten. Es kann uns durch Fragen und Suchen öffnen für den Gott, der un in unserem Innersten Saft und leise berühren will.

Allerdings kann das auch zur Folge haben, dass manche Täuschung hinsichtlich Gottes Art und seines Wesens, hinsichtlich seines uns verkündigten Willens zerbricht. Doch jede Enttäuschung birgt auch die Eröffnung von mehr Echtheit und Wahrheit.

Unser Glauben ist ein lebendiger Prozess. Er ist ein Ringen, eine Sehnsucht und eine lockende Liebe, die uns immer wieder in die Gegenwart dessen führt, der uns frei macht und unsere Verletzungen heilt.

Unser Weg mit Gott ist also alles andere als harmlos. Aber allein lassen wird er uns nicht.

Die Predigt wurden angeregt durch Albert L. Miorin: Ganz anders : Predigtentvorschlag zu 1 Kön 19,9ab.11b-13a. In: P. Christoph Heinemann OMI: Gottes Wort im Kirchenjahr 2017 : das Werkbuch für Verkündigung und Liturgie. Lesejahr A – Band 3. Die Zeit nach Pfingsten. Würzburg : Echter 2017, S. 123f.

[Die Predigt habe ich gehalten am 8.8.2020 in der Pfarrkirche St. Paulus Syke und am 9.8.2020 in der Pfarrkirche Heilig Geist in Stuhr-Brinkum. Für die Predigt hatte ich mir Stichworte notiert. Die hier nachträglich geschriebene Lesefassung der Predigt kann daher vom gesprochenen Wort der Predigt abweichen.]

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